Die Neckermänner kommen!

Neckermann Reisen wird 50 Jahre – ein Start mit Schweizer Schützenhilfe. Was wird in weiteren 50 Jahren sein?

Vom Lebenswerk des Versandhauskönigs Josef Neckermann ist nicht viel übrig geblieben: Der Versandhandel ist insolvent und beschwört auf seiner Website die Kunden: "Bitte halten Sie uns die Treue". Die einstige Tochter Neckermann Reisen gehört inzwischen zur Thomas Cook Group mit Hauptsitz in London.

Ich habe ein Faible für Tourismusgeschichte, das Standardwerk "Die Ferienmacher" von Otto Schneider steht griffbereit in meinem Büro. Und die Geschichte von Neckermann ist wirklich großes Kino, mit allen erdenklichen Höhen und Tiefen. Der frühere DRV-Präsident beschreibt anschaulich, wie Josef Neckermann, angestachelt vom Flugreisen-Angebot des Konkurrenten Quelle (heute längst pleite), in die Reisebranche drängt. Im Herbst 1962 entwickelt ein Team um den 2011 verstorbenen Herbert Haum (der später auch ITS und FIT-Reisen gründete) den ersten Reiseprospekt für das Frühjahr und den Sommer 1963.

Auf gerade mal sechs Seiten wurden Flugreisen nach Spanien, Tunesien, Rumänien, Montenegro und Dalmatien angeboten. Flugpartner war übrigens damals schon die Condor. Da die Versandhändler aber wenig vom Reisegeschäft wussten, schlossen sie eine Partnerschaft mit dem Schweizer Traditionsveranstalter Hotelplan. Die Schweizer sind derzeit, Ironie der Geschichte, gerade wieder auf einem anderen Gebiet Vorreiter: Sie stellen ihre gesamte Produktion auf die Player-Hub-Technologie um und orientieren sich bei der Produktdarstellung am DRV-Datenstandard. Das ist übrigens auch großes Thema in der neuen fvw, die heute schon als E-Paper erscheint

Aber zurück zu Neckermann Reisen, die einen phänomenalen Start hinlegten und die bis dahin noch sehr kleinteilige Touristik durch das aus dem Handel bekannte Prinzip des Masseneinkaufs und der Kalkulation mit großen Mengen umkrempelten. "Die Branche war geschockt über den Außenseiter, über seine konkurrenzlosen Preise und die durchschlagenden Erfolge", schreibt Schneider. "Neckermänner" wird zum Synoym für deutsche Pauschalreisende an den Stränden des Mittelmeers. Die Marke erobert breite Kundenschichten und demokratisiert so die einst elitäre Flugreise.

Auf Gründer Haum folgt die lange Wachstumsphase unter Rolf Pagnia, Wolfgang Beeser saniert das Unternehmen – unterbrochen von der Ära Stefan Pichler – gleich zweimal mit Erfolg. Heute führt Peter Fankhauser das Geschäft von Thomas Cook in Kontinentaleuropa, die Marke Neckermann ist auch in unseren Nachbarländern fest etabliert. Der Schweizer hat das einst tiefrote Deutschland-Geschäft zu einer Ertragsperle geformt, die defizitäre Group in London kann die Euros aus Germany gut gebrauchen.

Neckermann macht's möglich – ob das auch noch in 50 Jahren gilt?

KOMMENTARE
"angestachelt vom Flugreisen-Angebot des Konkurrenten Quelle" Die Pauschaltouristik-Geschichte in Deutschland zeigt, dass sich in den letzten 50 Jahren am Grundverhalten der Branche nichts geändert hat. Damals wie heute lebte / lebt man ein Lemminge- und Nachahmverhalten in ganz besonders ausgeprägter Form.
von Andreas Schulte, 06.09.12, 14:52
auch das Manager-Hopping hat sich in 50 Jahren nicht geändert. Damals wechselte man von den Neckermännern zur ITS und dann zu FIT - heute vom Harzvorland über Hamburg und Köln nach München, oder von Hannover nach Köln, oder von der Schweiz über Düsseldorf nach Oberursel, oder ......... Die Touristik hat halt starre Strukturen.
von Andreas Schulte, 06.09.12, 15:00
Als Einkäufer, Vertriebschef und schließlich Bereichsleiter Fernreisen, Kreuzfahrten und Terramar ( in diese Reihenfolge hintereinander) hatte ich von 1976 bis1987 das Vergnügen, an der Entwickung dieses tollen Unternehmens aktiv an vorderster Front mitzuwirken. Vor allem in den Fernzielen hatte Neckermann bei Kunden und Partnern schon on den 70er und 80er Jahren einen exzellenten Ruf, den Einkaeufer und Gaesten wurden geradezu "rote Teppiche" ausgerollt. Die erste große "Sinnkrise" kam mit dem Einstieg von Karstadt, die mit dem Einstieg bei Neckermann ihre aus Quelle/Transeuropa-Zeiten resultierende TUI- Beteiligung aufgeben müsste. Anfangs hochnaesige Karstadt-Büroleiter rümpften noch jahrelang die Nase beim Namen Neckermann, trauerten ihrer TUI-Bindung nach und ließen das uns Neckermaennern kräftig spüren. Neckermann sollte auf TUI-Image "upgegraded" werden und ging daran fast zugrunde. Schon damals war es Wolfgang Beeser zu verdanken, dass Neckermann, inzwischen NUR Touristic, auf den Pfad der Realität und damit des Erfolgs zurückkehrte. Zusammen mit einem tollen Team, dem auch ich viel zu verdanken habe. Glückwunsch an 50 Jahre Neckermann - auch wenn es von Stefan Pichler zu Thomas Cook "hochgeadelt" wurde. Aber Neckermann lebt. Mindestens noch weitere 50 Jahre!
von Walter Krombach, 06.09.12, 15:26
Schön geschrieben, Klaus. Wer weiß denn das alles überhaupt noch... seufz.

Doch auch in Oberursel ist man möglicherweise etwas überrascht, vom eigenen Jubiläum aus den Medien zu erfahren. "50"er Siegel habe ich auf den Katalogen jedenfalls nicht bemerkt - beim 40sten gab's das, samt Rabattaktion - und auch von größeren Feierlichkeiten war wohl bisher nicht die Rede. Vielleicht hebt man dort aber stattdessen auf den Tag der Handelsregistereintragung ab oder auf den ersten Katalog.

Oder es liegt daran, dass sich wirklich niemand mehr so genau an die Anfänge erinnern kann (lt. Webseite machte Neckermann "seit den 1960er Jahren Flugreisen für jedermann erschwinglich"), während die Geschichte der heutigen Konzernmutter offenbar genauer und dauerhafter aufgezeichnet wurde ("In Großbritannien erfand der britische Verleger Thomas Cook bereits im Jahr 1841 die „Pauschalreise", als er am 5. Juli die erste organisierte Zugreise für 500 Teilnehmer anbot. " - beide Zitate von http://www.thomascook.info/unternehmen/)

Gleichviel, gratulieren wir einfach mit dem alten, gleichermaßen geschichtsvergessenen Scherz: "Thomas Cook hat die Osterinseln entdeckt, und Josef Neckermann hat die Insel Mallorca entdeckt."

Und in 50 Jahren? Feiern wir Neckermann Universums-Reisen (NUR), wenn Traditionsbewusstsein und Unternehmergeist wiedererwacht sind, als den Pionier der organisierten Weltraumreisen. Und nicht etwa All-Tours :-)
von Hickstoriker, 06.09.12, 21:10
Ein wirklich sehr interessanter Beitrag.

"Tourismusgeschichte darf nicht in Vergessenheit geraten"
von Stefan Seidl - ATG Bayern, 07.09.12, 10:42
Habe jedoch gehört, dass es auch den Reise-Neckermännern nicht so gut geht... Wie amazon und Co. den Retailer neckermann.de gekillt haben sind die Reise-Neckermänner ähnlich suboptimal auf online eingestellt. Vom teilweise nostalgischen 80ziger-Jahre Personal mal ganz abgesehen...
von Horst, 10.09.12, 11:57
war einer der neckermänner der ersten stunde. herr haum war mein chef. der flyer bestand aus vier din a 4 seiten . ich wurde als chrl.in ägypten,tunesien,algerien, usa und ost-afrika eingesetzt.damals hatter wir kein telex sondern mußten unsere nachrichten per telegramme schicken. im zielgebiet waren wir auf uns alleine gestellt. insbesondere wenn wir tote touristen exportieren mußten.wir waren auch die ersten NUR touristen die mit charter flug(südflug DC-10)) nach newyork flogen und betreuten. auch haben wir gäste während des krieges Israel/ägypten von 1967 aus ägypten nach dem libanon und rumänien evakuiert.etc..........
von adel sadek, 13.09.12, 16:41
Harriet Green sieht für Thomas Cook scheinbar eine orange Zukunft:

Thomas Cook has described an imminent seat deal with easyJet as ‘great news’ for its customers.
‘This is great news for our customers; by bringing together the overseas expertise of Thomas Cook, with easyJet’s flexibility as a truly scheduled airline, we’re taking the modern package holiday to a new level.

Wird da jetzt auch easyJet "geadelt" oder Thomas Cook auf " no-frills" Niveau runter gezogen?

Passt das noch zu dem Versuch TOC in Deutschland als Premiummarke zu etablieren?

Diese ganze TOC/NEC "Merger" Geschichte, dies Gerede von Synergien usw. erinnert mich schon immer an BMWs Rover Debakel und an die "Hochzeit des Grauens" zwischen Daimler und Chrysler.

Sollten die Verantwortlichen für TOC wirklich eine orange Zukunft sehen, dann sehe ich eher schwarz!

Ich wünsche NECKERMANN auf jeden Fall weitere 50 Jahre und wenn möglich ein Ende des TOC/Börsen Abenteuers.
von Ralf-Gunnar Ludwig, 14.09.12, 13:46
@Ralf-Gunnar Ludwig: Kleine Anmerkung zum Easyjet-Deal: Wie auf fvw.de neulich gemeldet (http://bit.ly/TSMX1V) bezieht sich die Vereinbarung nur auf den britischen Markt für Thomas Cook UK. Easyjet bedient dort, im Gegensatz zu Deutschland, viel mehr Warmwasser-Ziele.
Dem Thema 5 Jahre deutsch-britische Touristik, neue Chefs und Börse widmen wir uns ausführlich im nächsten fvw magazin.
@Hickstoriker: Das mit dem Jubiläum wissen die Neckermänner schon selbst. Die wollen das mit den Sommerkatalogen feiern (die ja dann auch die 50. sind). Die Geburtstagsfeier ist auch Teil des großen Reisebüro-Events "Der Sommer geht auf Reisen" am 3.11. in Berlin, geht aus dem Programm hervor.
von Klaus Hildebrandt, 14.09.12, 17:12
@Klaus Hildebrandt: Nun ja die Presseabteilung scheint dass für TOC/NEC nicht so ganz marktspezifisch hinzubekommen - TC NL bemühte sich schnellstmöglich nachzulegen, dass man keinesfalls! mit Easyjet in Zukunft zusammenarbeiten möchte, sondern es bei den auf dem BeNeLux Markt! etablierten Airlines belassen möchte....

Siehe auch Bereicht bei den http://www.travmagazine.nl/login?url=/managementni...
(nur für ABONutzer..)
von christian Feldmann, 19.09.12, 15:21
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