Ab in das Sommerloch

Zugegeben, es ist Sommerloch. Das ist doch die perfekte Zeit, um staatliche Prämien für Mittelmeerurlaub zu fordern. Oder um in stolzen 45 Minuten Sendezeit zur Primetime im ZDF und im Robinson Club das Haar in der Suppe zu finden. Oder haben Sie vielleicht ein besseres Thema?

Wir Journalisten haben es schon nicht leicht in dieser nachrichtenarmen Zeit. Statt aus dem übervollen Posteingang aus dem Vollen zu schöpfen, gilt es im traditionellen "Sommerloch" selbst Themen zu setzen. Da wir das bei der fvw aber auch unterjährig machen, greifen wir heute zum journalistischen Plan B im Sommerloch. Wir schauen einfach, was andere große Medien so an Themen gesetzt haben. Heute springen primär zwei Dinge ins Auge.

  1. Stolze 45 Minuten nahm sich gestern das ZDF-Verbrauchermagazin Wiso Zeit, um den Clubanbieter Robinson mit einer Aida-Kreuzfahrt zu vergleichen. Mit versteckter Kamera suchten die ZDF-Tester auf der Aida Vita und im Robinson-Club Esquinzo auf Fuerteventura nach dem sprichwörtlichen Haar in der Suppe. Es wäre bemerkenswert, wenn dies in 45 Minuten nicht zu finden gewesen wäre. Weder bei Robinson in Hannover noch bei Aida Cruises in Rostock ist man heute gut auf den Test zu sprechen. Und auch die Wiso-Zuschauer, in Personalunion auch Cluburlauber, reagieren verschnupft. Auf der Facebook-Fanpage der Wiso-Redaktion wird die Sondersendung heftig und vielfach kritisiert.

    Wurden hier Äpfel mit Birnen mit verglichen? Und was bitte ist die tiefere Erkenntnis eines Vergleichstests, wenn das Rennen nach 40 Minuten Sendezeit noch offen ist und lediglich das kostenpflichtige Bier an der Aida-Bar über Sieg und Niederlage entscheidet? Der Apfel Aida bietet nun einmal anders als die Birne Robinson kein All-Inclusive-Konzept.
     
  2. Seinen bundesweiten Bekanntheitsgrad schlagartig gesteigert hat heute der FDP-Europaabgeordnete Jorgis Chatzimarkakis. Via Bild-Zeitung fordert er staatliche Prämien für Urlaub in südliche EU-Gefilde. Das ist aus Sicht der Reiseindustrie durchaus begrüßenswert. Allerdings wohl auch nur in jenen Teilen der Touristik, die mit Urlaub im mediterranen Teil der Europäischen Union ihr Geld verdienen. Sollte es die Idee tatsächlich in die ernsthafte politische Diskussion schaffen, freuen wir uns schon jetzt auf Statements von Tourismuspolitikern etwa aus der Türkei, aus Übersee und nicht zuletzt aus Deutschland. Mir Genuß dürften diese den bislang letzten Versuch staatlicher Beihilfen für die Reisewirtschaft der liberalen Partei  sezieren. Die ermäßigte Hotel-Umsatzsteuer war bekanntlich ein echter Belastungstest für die schwarz-gelbe Regierung.

    Wohl bemerkt: Die Idee selbst ist brillant und aus konjunkturpolitischer Sicht möglicherweise effektiver als so mancher staatlich aufgeblasene Rettungschirm. So sieht es, laut Bild, auch der anerkannte US-Ökonom Nouriel Roubini. Der hatte sich jüngst einen Namen mit der von ihm erwarteten Verfallszeit der Euro-Währung gemacht. In drei bis sechs Monate sollte es soweit sein, sagte er jüngst dem "Handelsblatt". Meine Prognose: Das ist leider viel zu wenig Zeit, um den (gar nicht so) liberalen Vorstoß zur Urlaubsprämie in einen seriösen Gesetzestext zu gießen.

PS: Keine Angst, liebe Leser, in Touristik und Business Travel ist das Sommerloch überschaubar klein. In der nächsten fvw 15/12 lesen Sie viele Hintergründe etwa über die Provisionssysteme und Produktstrategien der großen Reiseveranstalter sowie über den Internet-Riesen "Unister", und zwar losgelöst von der jüngsten Sommerloch-Berichterstattung in "Computer-Bild" & Co.

KOMMENTARE
Zur WISO-Sendung: oeffentlich-rechtlicher Schwachsinn, dieser Vergleich.
von Walter Krombach, 17.07.12, 16:02
Jorgis Chatzimarkakis - Chatzi schenk uns die Euros ! Chatzi schenk uns viel Geld !
Chatzi dann fliegen wir in den Süden - dorthin wo der Regen nicht fällt !
FDP = Flieg doch preiswert !
Bernd Brümmer
von Bernd Brümmer, 17.07.12, 16:52
WISO - Robinson Club vs. AIDA Cruises
Warum lässt man solche Sendungen von Praktikanten und nicht von Journalisten machen ?
ZDF = Ziel deutlich "ferfehlt"
Bernd Brümmer
von Bernd Brümmer, 17.07.12, 16:56
... Tja, weil das ZDF (immerhin jahrelang mit der wöchentlich 45minütigen Reiselust ein wichtiger Player) aus Kostengründen schon vor Jahren die Reiseredaktion ersatzlos gestrichen hat. Über Reisen könne ja jeder berichten; schliesslich machen auch alle Journalisten Urlaub ;-)
von Jürgen Drensek, 17.07.12, 18:05
Im nächsten Leben werde ich WiSo - Spion . So kann ich Urlaub testen und die Familie gleich mitnehmen.
Mit WiSo habe ich ansonsten so meine Probleme, weil sie Online-Buchungen modisch finden und Reisebüros von gestern. Ist ja auch einfacher: Braucht man für seine Berichterstattung nicht das Büro verlassen. Was rauskommt, ist egal.
von Dietmar Rauter, 18.07.12, 11:42
Na ja, ob ich wirklich gerne WISO-Spion werden möchte? Zumindest nicht in meinen kostbaren Urlaubstagen. Vielleicht soll ich dann ja den Single-Urlaub testen und Vorurteile, wie Katzentisch zum Abendessen und überhohte EZ-Zuschläge für das Souterraine-Zimmer mit Schimmelwänden bestätigen. Aber privat würde ich für mich einen solchen Urlaub niemals buchen. Und ein gutes Reisebüro würde mir nach einer Bedarfsanalyse bestimmt auch keinen solchen Urlaub empfehlen.

Interessanter aber vielleicht die Auswahl der zu testenden Produkte. Mit fällt dabei auf, dass beide nicht zu den ZDF-Werbekunden gehören. Solche werden von WISO wohl eher geschont - ich denke da z.B. an die TV-Werbung eines Investmentanbieters für erneuerbare Energie, der noch nie zum WISO-Thema wurde, obwohl die versprochenen Renditen nur durch die Einlagen neuer Investmentoren ausgeschüttet werden können. Solange das System wächst, funktioniert es. Dass ein solches System früher oder später zusammenkracht, ist absehbar. Und deren Werbung läuft sogar in der WISO-Werbepause!

Und zur Südeuropa-Ferienprämie, quasi der "Abwrackprämie" für die Tourismusbranche: Veranstalter und Reisebüros würde es freuen, die deutschen Feriengebiet wohl weniger. Und ob unsere Branche unter'm Strich wirklich profitiert, ist nicht abgemacht. Kennen wir nicht alle die Geschenke der Politik, deren Zeche am Ende Dritte bezahlen müssen? Welche Gegenleistung wird die Politik von uns verlangen, wer würde am Ende die Verwaltung machen müssen: Bescheinigungen, Auszahlungen, Rückforderungen bei Stormnierung usw.usf. Ich sehe da einen bürokratischen Rattenschwanz und möglicherweise sogar ein Risiko für Reisebüros und Veranstalter, wenn sich unsere Kunden die staatliche Ferienzulage zu Unrecht erschleichen.
von Rainer Nuyken, 19.07.12, 08:53
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