Betrüger und Preistreiber

Heute kommt's dicke für die Reisebüros: In Lübeck hat eine Agentur Kunden abgezockt, und angeblich will jedes zweite Reisebüro "die Preise erhöhen". Was stimmt?

Wer heute bei Google News das Stichwort Reisebüro eingibt, stößt zum einen auf eine Meldung, wonach ein Reisebüro in Lübeck für Flugtickets kassiert haben soll, aber die Kunden um die Flüge geprellt hat. So einen ähnlichen Betrugsfall gab es vor einiger Zeit schon beim Fall Travelpoint in Gelsenkirchen. Auch auf fvw.de haben wir den Fall des offenbar insolventen Franchise-Nehmers von Atlas Reisen aufgegriffen.

Und dann geistert eine andere Meldung durch die Portale: "Jedes zweite Reisebüro will die Preise erhöhen", ist da unter Bezug auf eine Umfrage der DIHK zu lesen. Nur: Wenn man den gesamten Bericht liest (bei der DIKH zum Download) stellt sich das ganz anders dar: Vor allem bei Reiseveranstaltern und Busunternehmern steigen die Preise zum Sommer 2012 – was ja angesichts der höheren Energiepreise und auch teilweise höherer Hoteleinkaufspreise für die (bereits im November 2011 präsentierten) Sommerkataloge ein ganz alter Hut ist. Eine Nachrichtenagentur hat da offenbar Reisebüro und Reiseveranstalter verwechselt, der Unterschied ist für Nicht-Touristiker ja manchmal auch nicht ganz ersichtlich.

Soll man also klagen oder den DRV offiziell intervenieren lassen, wie Reisebüros schon fordern? Anders herum wird ein Schuh draus: Wenn ein Kunde das wirklich ansprechen sollte, kann man als Expedient bei Pauschalreisen ganz selbstbewusst argumentieren: Wir erhöhen nicht die Preise – unsere Beratung ist immer noch kostenlos!

KOMMENTARE
Die Betonung liegt auf "noch"? Wie lange noch? Nur so lange, wie (die grossen) Veranstalter bzw. Ihre zunehmend unemotionale Führung oder Gesellschafter (Aktionäre) sich davon überzeugen lassen. Wie lange noch?
von Michael K., 10.07.12, 18:30
Entschuldigung der dpa: "...

vielen Dank für Ihre Mail und für den Hinweis auf einen Fehler, der uns leider passiert ist.

Wir haben die betreffende Meldung heute berichtigt, indem wir sie noch einmal gesendet haben – und zwar diesmal mit der richtigen Erläuterung, dass 52 Prozent der Reisebüros laut der DIHK-Umfrage steigende Preise in der Touristik erwarten. Wir schreiben also jetzt nicht mehr, dass sie die Preise selbst erhöhen wollen.

Die berichtigte Meldung habe ich unten zu Ihrer Information beigefügt.

Wir bedauern sehr, dass uns dieser Fehler unterlaufen ist. Erklären lässt er sich möglicherweise dadurch, dass eine Formulierung im DIHK-Tourismusreport leicht falsch verstanden werden konnte. Dort heißt es auf Seite 13 wörtlich: "Der Anteil der Unternehmen, die Preise erhöhen wollen, nimmt gegenüber dem Vorjahr bei den Reisebüros um drei und bei den Busunternehmen um sieben Prozentpunkte zu.“ Auch ein entsprechendes Schaubild (Abbildung 27) wird gezeigt.

Dass diese Aussage im Report falsch interpretiert werden konnte, ist eine Einschätzung, von der ich weiß, dass sie auch vom Deutschen Reiseverband (DRV) in Berlin geteilt wird.
Mit freundlichen Grüßen "

Find ich gut & wichtig, dass die dpa so schnell reagiert hat, auch wenn die Falschmeldung sicher noch in einigen Köpfen festsitzen wird.
von Claudia Mades, 10.07.12, 19:58
Top, dass die dpa so schnell gehandelt hat!
von B.Hellmuth, 11.07.12, 08:52
Sehr geehrter Herr Hildebrandt,

über Ihre Aussage "Soll man also klagen oder den DRV offiziell intervenieren lassen, wie Reisebüros schon fordern? Anders herum wird ein Schuh draus:"
muss ich mich doch sehr wundern!

Aber natürlich sollte hier der DRV ( . . gibt es eigentlich einen Grund dafür, dass Sie nie des asr erwähnen!?) tätig werden!

Es kann doch nicht angehen, dass bei der "Saisonumfrage" des DIHK Jahr für Jahr die selben Fehler gemacht werden, die dann für entsprechende negative Schlagzeilen in den Medien sorgen!

Da sind m.E. sehr wohl die Branchenverbände gefordert; die sollten sich mal mit dem DIHK an einen Tisch setzen, den Fragenkatalog überarbeiten und bei der Auswertung sollten man dann auch nochmal die Köpfe zusammenstecken.

Es geht doch nicht darum, dass wir in Argumentationsnot geraten, wenn unsere Kunden uns auf diese Meldung ansprechen sollten, sondern darum, dass Reisewilligenmit einer solcher Meldung suggeriert wird, Reisebüros würden Einfluss auf die Preisgestaltung nehmen können (wenn nach oben, dann auch nach unter - Thema Rabatt), dass sie zukünftig in 50% der RBs mehr bezahlen müssen, als in den anderen 50% und u.U. sogar das Onlineportale die Preise nicht erhöhen!

Ich weiss ja nicht was Sie für Schuhe tragen, aber für mich wird auch "anders herum" kein Schuh daraus, noch nicht einmal ein Flip Flop - es (die Meldung an sich) bleibt ein Flop!

Mit besten Grüssen
R.-G. Ludwig
von R.-G. Ludwig, 11.07.12, 11:15
Lieber Herr Ludwig,
ich hatte das bei Beiträgen auf Facebook so verstanden, dass einzelne Reisebüros den DRV auffordern, bei Zeitungen aktiv zu werden, die über die Preiserhöhungen der Reisebüros geschrieben haben. dpa, auf deren Text die meisten Meldungen beruhen, hat sich ja inzwischen korrigiert (was aber nichts mehr bringt, da die Meldung raus ist).
Ich habe mir die Umfrage des DIHK angesehen, da ist eigentlich alles richtig, das ist nur falsch wiedergeben worden. Zusätzlicher Input des DRV bei der Umfrage, die es ja schon lange gibt, kann da für die Umfrage in einem Jahr sicher nicht schaden, aber mit dem umgedrehten Schuh geht es um die Argumentation gegenüber dem Kunden heute.
Beste Grüße nach Hannover, Klaus Hildebrandt
von Klaus Hildebrandt, 11.07.12, 11:28
Ist die ASR-Forderung eine Konzessionspflicht für Reisebüros, wie in den anderen EU-Ländern, einzuführen wirklich nicht unterstützungswert ? Es käme auf die Richtlinien
an, denn die derzeitige "Gewerbefreiheit im Reisevertrieb" wird es auch künftig Betrüger
leicht machen schnell an Gelder zu kommen und sich dann aus dem Staub zu machern.
von K.H.Hess -travelsafe -, 11.07.12, 11:51
Bei der Reisebüro-Konzession schließe ich mich der Meinung von Rainer Nuyken an (http://www.fvw.de/index.cfm?cid=11183&pk=10577...).
Eine Konzession hätte in diesem Fall auch nichts genützt, schließlich war der "Kollege" immerhin Franchisenehmer bei einem renommierten Unternehmen wie Atlas/RSG, die sich ihre Partner bestimmt vorher genau anschauen. Aber wenn dann einer in die Insolvenz rutscht, passieren eben mal solche Dinge.
von Stefan Werner, 11.07.12, 13:51
Das Problem liegt ja immer darin, dass der Kunde dem Mythos "Reisebüro ist teurer" bzw die Möglichkeit der Einflussnahmen auf den Preis glaubt und dadurch am Counter überhaupt erst Diskussionen entstehen, die es sonst nicht gäbe. Zudem führen diese Falschaussagen sogar dazu, dass Kunden andere Vertriebswege nutzen und die Reisebüros gar keine Chance erhalten, den Fehler aufzuklären. Und eine Richtigstellung bringt leider wenig, da das Kind zu dem Zeitpunkt tatsächlich schon in den Brunnen gefallen ist. Es müssten daher Erklärungen in der Öffentlichkeit nicht als Reaktion, sondern initiativ erfolgen! Vielleicht würden dann auch einige Journalisten den Unterschied zwischen Veranstalter und Mittler verstehen... Und die Aufgabe dies zutun liegt ganz klar bei den Verbänden !
von Alexander Schulten, 11.07.12, 14:02
@ Andreas Schulten: Den Unterschied zwischen Reisebüros und Reiseveranstalter haben Journalisten - auch manche sog. Reisejournalisten - schon zu Zeiten, als es noch wirklich große Unterschiede gab, nur selten begriffen. Wie sollen sie das heute begreifen, de facto (fast) jedes Reisebüro AUCH Reiseveranstalter (und umgekehrt längst sowieso) ist? Die Mahnung an den DIHK sollte aber auch an diejenigen Kollegen gerichtet werden, die diese regelmäßigen Umfragen so (unsinnig) beantworten, dass der DIHK daraus diese Zusammenfassung ableitet. Und übrigens: haben nicht gerade in jüngster Vergangenheit auch Kollegen-Aussagen banchenschädliche Wirkungen erzeugt?
von Michael K., 11.07.12, 14:31
Dann auch bitte gleich eine Facebook-Konzession für touristisch relevante Themen. Acht Freunde, dreizehn likes und schon auf dem Titelblatt der Massenmedien - wenn ich es nicht gelesen hätte, ich würde es nicht glauben.
von Robert Dorka, 11.07.12, 18:45
Da ich gerade gesehen habe, dass ein Michael K. hier kommentiert.
Ich bins nicht. Es ist ein anderer Michael K.
Beste Grüße
Michael Kalt
von Michael Kalt, 13.07.12, 16:08
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