Der Poliza-Effekt
Die TUI verbandelt sich eng mit dem Naturfotografen und Globetrotter Michael Poliza. Was bringt diese Kooperation für die Fernreisen?
Am Donnerstag hat die TUI mit "Michael Poliza Experiences" eine neue Premiummarke für außergewöhnliche Reiseerlebnisse vorgestellt. Dazu gibt es eine Image-Broschüre mit phantastischen Fotos. Das braucht es auch, denn die von dem Naturfotografen entwickelten Touren beginnen bei 12.000 Euro pro Person – ohne Flug. Doch die Zusammenarbeit geht noch weiter. Wie Fernreisechef Steffen Boehnke bei der Programmvorstellung auf Mallorca erläuterte, wird Poliza auch in den Fernreise-Katalogen, die am 26. Juli erscheinen, prominent vorkommen. Er taucht dort auf den Einstiegsseiten auf, und empfiehlt insgesamt 23 Hotels – Häuser die sich mit seinen Wertvorstellungen von einem naturnahen nachhaltigen Reisen decken.
Doch passt das alles zur TUI? Schließlich macht der Veranstalter im Fernreisegeschäft rund die Hälfte des Umsatzes mit Badereisen in große Pauschalhotels etwa in der Karibik, Mexiko oder Thailand. Unbestritten ist, dass die TUI bei Fernreisen wächst und zum Marktführer, der Rewe-Bausteintouristik (Dertour, Meier's Weltreisen, ADAC Reisen), aufschließen will. Kann Poliza da helfen? Ja, meint Boehnke, der "sympathische Globetrotter und Weltbürger" könne die TUI-Programmgestalter "inspirieren" und so eine neue Farbe in die noch magaziniger gestalteten Fernreise-Broschüren bringen. Ganz spezielle Angebote, wie etwa die von TUI exklusiv belegten 17 Zimmer in einem kubanischen Nonnen-Kloster, seien zwar ein absolutes Nischenprodukt, zeigten aber, dass der Veranstalter inzwischen ein großes Programm mit überraschenden Reiseideen habe.
Die Journalisten auf Mallorca diskutierten das kontrovers: Einige meinten, die TUI lasse sich da auf eine ziemlich enge Verbindung mit einem Naturfotografen ein, der zwar unbestritten zu den Meistern seines Fachs gehört, aber den viele Deutsche überhaupt nicht kennen. Und wer ihn kenne, bringe ihn kaum mit einem Massenveranstalter wie der TUI in Verbindung. Ich muss gestehen, auch ich hatte von dem Mann, der als Kind Schauspieler war, dann ein IT-Unternehmen gründete und verkaufte und heute durch die Welt reist, noch nie gehört. Meine Kollegin Martina Feyerherd wiederum hat ein Afrika-Buch von ihm im Regal stehen. Was meinen Sie, bringen derartige Kooperationen, die ja weit über eine Testimonial-Werbung wie einst mit Joachim Löw hinausgehen, etwas für einen Veranstalter?



Abzuwarten bleibt, ob das Preis-Leistungs-Verhältnis passt - aber hochpreisige Reisen mit Wert finden sicher ihre Kunden noch leichter, wenn TUI draufsteht. Und die Margen pro Reise sind bei Angeboten ohne direkte Konkurrenz - und somit ohne Vergleichspreis - eh ganz andere. Also: Warum nicht? Diese Nische ist m.E. viel erfolgversprechender als X-Airtours!
P.S. Auf Poliza bin ich übrigens durch mehrere TV-Berichte aufmerksam geworden. WISO muss man ja leider gucken, als Touristiker, um mitreden (oder gegenreden) zu können - aber auf Arte, Phönix etc. findet man eben auch mal Polizas Bilder und Reportagen über ihn. Und seine Bildbände sind zudem ideales Kundenberatungsinstrument, insbesondere für Naturerlebnisse in Afrika.
Wie sonst soll sich die TUI mit all ihren verstaubten Marken und wenig innovativen Produkten mittelfristig aus dem Einheitsbrei der Reisewelt abheben? Vielleicht besinnt man sich in Hannover tatsächlich alter Wurzeln und entwickelt so, aus heute teuren Produkten der neuen Marke „ Michael Poliza Experiences“ für eine kleine feine Zielgruppe, mittelfristig bezahlbare Erlebnisreisen für Normalverbraucher. Funktionieren wird dies nur, wenn bei der Produktweiterentwicklung keine Controller involviert sein werden, sondern sich die Innovationskraft der neuen Marke frei und intelligent gesteuert wird.
Konkurrenz für Airtours im eigenen Haus? Sicher nicht, die durchschnittlich erzielten Reisepreise von Airtours dürften allgemein bekannt sein und sind weit weg von den genannten Preisen der „ Michael Poliza Experiences“.
Schwach ist allerdings, dass bei nach solch einer Ankündigung weder die Website unter http://www.mp-experiences.de/ fertigestellt ist noch im Ansatz eine iPad App erkennbar ist.
Unabhängig davon - weiter so TUI, ein guter Start in die Renaissance
Die Werbung mit einer Person macht nur dann Sinn, wenn er bekannt ist und ein positives Image hat.
Da ihn keiner kennt, kann er auch kein positives Image rüberbringen.
Mutig, aber sehr hohe Flop-Gefahr.
Wer mehr über Michael Poliza im O-Ton und auch TUI-Fernreisechef Steffen Boehnke hören (und sehen) möchte, dem sei das Reiseradio von dieser Woche empfohlen :-)
http://travel-radio.eu/tag/collection106/
Große Markenbilder und Emotionen aufbauen, Aufmerksamkeit wecken und diese online bedienen und abschöpfen. Mehr Budget in TV/Markenkommunikation, weniger Budget in Kataloge und den ganzen anderen 80ziger-Jahre Krempel (Aufsteller, Poster, RB-Ausstattung eben). Die größere Herausforderung sehe ich im Online-Business der TUI als im Bekanntheitsgrad eines Testimonials. Dort ist TUI nicht state of the art aufgestellt (liegt an handelnden Personen und dem ewigen battle eCommerce vs. stationärer Vertrieb). Der Marktplatz ist sicher nicht die Lösung.