Eitel Sonnenschein beim Sommergeschäft?

Ganz Europa redet über die Euro-Krise. Aber die deutsche Reisebranche meldet Rekordzahlen. Kann das angehen?

Das Reisebüro-Panel der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) meldet von Januar bis Mai ein Umsatzplus von neun Prozent für die Sommersaison, im Mai gab es sogar elf Prozent Wachstum. Das sei eine "erstaunliche Sommerlaune" heißt es heute auf fvw.de. Parallel sagt der Verband Deutsches Reisemanagement (VDR), dass die Unternehmen zwar alle Sparpotenziale ausgereizt haben. Aber nach einem Umsatzplus von drei Prozent im abgelaufenen Jahr werden weitere Zuwächse bei Geschäftsreisen erwartet.

Wie passt dies alles zu den Meldungen in der Wirtschaftspresse, die infolge der Schulden- und Euro-Krise vor allem in Südeuropa von einer abflauenden Konjunktur sprechen. Oder stimmen die Statistiken nicht? Einige Veranstalter zum Beispiel zeigten sich im Mai deutlich verhaltener als die GfK, deren hohes Umsatzplus allerdings auch auf den trotz der Concordia-Havarie weiter steigenden Kreuzfahrt-Umsätzen beruht. Oder es zeigt, dass deutsche Verbraucher und selbst die Unternehmen sich einfach nicht beeindrucken lassen und weiter fleißig Reisen buchen.

Für die Sommersaison beginnt nun die heiße Zeit. Spannend wird, ob es wie in früheren Jahren nach dem Ende der EM noch einen Buchungs-Boom gibt. Die Publikumsmedien stimmen sich schon auf das Last-Minute-Geschäft ein. Außergewöhnlich positiv fällt dort übrigens meines Erachtens die Wahrnehmung der Reisebüros aus (und bestätigt den vorangegangen Blog von Dirk). Es wird nicht mehr blind zur Online-Buchung geraten, oft wird – etwa bei Akte 20.12 auf SAT1 - vor den "Fallen" bei der Internet-Buchung gewarnt. Und mich rief neulich ein Redakteur des "Hamburger Abendblatts" für eine Trendgeschichte an, der die für ihn erstaunliche Feststellung machte, dass Last-Minute-Reisen im Reisebüro ja gar nicht teurer als im Web seien.

Also, vielleicht stimmen die guten Zahlen aus dem Reisebüro-Panel ja doch. Oder wie ist Ihre Einschätzung des aktuellen Geschäfts in Touristik und Business Travel?

 

 

KOMMENTARE
Die eine Seite sind die Konsumenten. Wenn diese immer weniger in der Tasche haben werden die Reisepreise relevanter - oder der Urlaub fällt auch mal aus. Hier blamiert sich die Bundesregierung im OECD-Vergleich ja deutlich.
Andererseits klagen wir - noch - auf hohem Niveau.

Und selbst die zusätzlichen Belastungen belasten ja nur die Ergebnisse der Fluggesellschaften und Flughäfen - auch wenn einige der Kommentatoren hier Häme abladen und die Nachteile genauso negieren wie unsere Bundesregierung. Es gibt eine schöne ADV-Studie, aber auch ANNA.aero, die bekanntermaßen einfach nur Zahlen zusammen stellen zeigt, dass Deutschland (neben England) in Europa mit das geringste Wachstum im Luftverkehr hat. Immer noch auf hohem Niveau, aber der Trend ist bedenklich.

Und bei neuen Routen führen bereits andere Länder in Europa, Deutschland ist auch diesbezüglich (rein statistisch) bereits auf deutlich unterdurchschnittlichem Niveau in Europa, was neue Strecken durch ausländische Airlines angeht.

Eitel Sonnenschein? Oder ein letztes Aufbäumen?
Ich ärgere mich schon ein wenig, dass hier nicht die Gemeinsamkeit gesucht wird. (Provokativ:) Unser Lobbying ist denkbar schwach - immer noch zu viel Gegeneinander und Egozentrik: Hauptsache es nützt mir, was interessiert mich die Branche...?
von Jürgen Barthel, 13.06.12, 11:06
Die Wirtschaftskrise hat es mit sich gebracht, das in den für den Normalbürger zuständigen Medien keine wirklichen Nachrichten oder Informationen mehr kommen sondern nur noch Propaganda für eine zielgerichtete Meinungsbildung.

Der jüngste Blogbeitrag "Die Linnhoff-Show" wurde fast 7000 mal gelesen - das heist nicht das die über 200 Kommentare wirklich die Meinung aller Leser wiederspiegelt.

Wenn also Zielgebiete wie Griechenland, Ägypten und Tunesien von den Kunden fast vollständig gemieden werden - dann haben zwangsläufig alle großen Veranstalter die diese Länder im Angebot haben und dort viel Geld und Arbeit schon reingesteckt haben - riesige Probleme. Dazu noch eine extrem dünne Personalbesetzung die bei einem unvorhergesehenem Ereignis wie der Nichteröffnung des Flughafens in Berlin schon mal am kollabieren ist. Die meisten Veranstalter werden dieses Jahr wohl nur noch um Schadensbegrenzung bemüht sein.
Wenn wir einfach mal die Fakten ehrlich ansehen - so wird eine gute Geschäftsentwicklung dieses Jahr wohl nicht eintreten können.
von Robert, 13.06.12, 17:06
@Robert: Also das mit dem "vollständig gemieden" ist doch wohl stark übertrieben. Tunesien läuft dieses Jahr in unserem Reisebüro bei Familien richtig gut, auch Ägypten wird gut gebucht, weil die Hotels super sind und die Preise niedrig. Griechenland hängt zwar durch, aber es gibt auch bei uns viele Griechenland-Fans, die auch diesen Sommer hinfahren, egal was die BILD-Zeitung so schreibt.
von Sylvie, 13.06.12, 17:43
Wie es in unserer Branche wirklich aussieht, lässt sich nicht an vordergründigen Trendaussagen festmachen. Die Umsatzzahlen der GfK beziehen sich auf den Buchungszeitraum, nicht auf die tatsächlichen Abreisen. Insofern können höhere Umsätze auch einfach den Trend zum späteren Buchen belegen.

Abgerechnet wird nach der Saison. Und hier werden alle wieder tolle Zahlen verkünden. Aber es lohnt die Differenzierung zwischen Umsatz und PAX. Umsätze könnten steigen, weil die Reisepreise steigen, z.B. getrieben durch höhere Flugkosten oder die Verlagerung der Nachfrage von traditionell preiswerten Urlaubsländern in teurere Zielgebiete.

Anders die Zahlen der Kreuzfahrtbranche: hier sehen wir wieder die gewohnten PAX-Zuwächse, aber zu deutlich niedrigeren Preisen. Insofern glaube ich nicht an die Aussage von Klaus, dass die aktuellen Kreuzfahrt-Umsätze wieder höher liegen, als im Vorjahr: die derzeitigen Aktionspreis sprechen eine deutlich andere Sprache. Während erodierende Kreuzfahrtraten ein Problem für die Reisemittler sind, haben die Reedereien die Möglichkeit, zumindest einen Teil der Umsätze über die An-Bord-Umsätze auszugleichen. Für beide Seiten sehe ich im aktuellen Preisniveau aber auch gute Chancen für die Zukunft angesichts hochwertiger Produkte, zufriedener Kunden und entsprechend hoher Wiederholerquoten.
von Rainer Nuyken, 15.06.12, 10:33
@Rainer Nuyken: Ich habe den Satz mit dem Kreuzfahrtumsatz missverständlich ausgedrückt. Ich meinte nicht den Vergleich des Mai-Umsatzes gegenüber dem Vorjahresmonat, sondern den kumulierten Wert für die ersten fünf Monate des Jahres. Laut GfK beruht das hohe Plus von neun Prozent auch darauf, dass die Kreuzfahrt mit hohem zweistelligen Plus in das neue Jahr gestartet war. Das Plus ist nach der Concordia-Kastatrophe abgeschmolzen, aber insgesamt wird der Kreuzfahrt-Umsatz trotz der Preissenkungen 2012 höher liegen als 2011. Keine Frage, dass er ohne die Concordia sicher noch höher gewesen wäre.
von Klaus Hildebrandt, 15.06.12, 16:31
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...das Pfeifen im Walde sollten tunlichst die nicht überhören, denen das Pfeifen gilt.
von Wolfgang Hoffmann, 25.06.12, 13:36
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