Green ist die Hoffnung

Harriet Green hatte niemand auf der Rechung: Die Britin wird Chefin von Thomas Cook, auch der Finanzvorstand wurde gerade ausgetauscht. Können Branchenfremde dem Traditionskonzern wieder neuen Glanz verleihen?

Die Berufung von Harriet Green zum CEO der Thomas Cook Group ist insofern eine Überraschung, als dass wirklich niemand in der Reisebranche vorher etwas von der 50-jährigen Britin gehört hat. Keine Überraschung ist es wiederum, dass Chairman Frank Meysman, der ebenfalls branchenfremd ist und erst seit Herbst 2011 im Amt ist, niemand aus dem Konzern für den Vorstandsvorsitz durchsetzte. Der Belgier Meysman will nach dem rasanten Kurssturz, der das über 170 Jahre alte Traditionsunternehmen binnen eines Jahres zum Penny-Stock machte, einen kompletten Neuanfang. Auch der bisherige Finanzvorstand wurde jüngst gefeuert und durch einen Finanzmann der britischen Autowerkstattkette Kwik-Fit ersetzt. 

Aus fachlicher Sicht wäre sicher Zentraleuropa-Chef Peter Fankhauser der richtige Mann gewesen. Er kann ein Unternehmen sanieren und technisch weiterenwickeln, kennt den Markt, die Probleme von Thomas Cook vor allem in Großbritannien und er hat Erfolge aus Deutschland vorzuweisen. Aber bei Thomas Cook reden nach dem mühsamen Abschluss der Milliarden-Refinanzierung und angesichts von Schulden von stolzen 1,7 Mrd. Euro die Banken ein gehöriges Wort mit. Obwohl Fankhauser selbst bei einflussreichen Londoner Analysten Ansehen genießt, geht Meysman auf Nummer sicher und holt eine Managerin eines börsennotierten Konzerns, die über einen sehr guten Ruf in der britischen Finanzwelt verfügt. 

Mrs Green muss keine schlechte Wahl sein. Sie ist erfahren, wird in Großbritannien geschätzt. Und warum nicht eine Frau auf den Chefsessel? Auf der neuen fvw, die heute schon als E-Paper erscheint, prangt Carolyn McCall, die Chefin von Easyjet. Als der Low Cost Carrier die ebenfalls branchenfremde Engländerin berief, gab es auch viel Verwunderung in der männergeprägten Luftfahrt. Aber der Erfolg gibt ihr Recht. Thomas Cook ist allerdings mit dem vertikalen Mix aus Tour Operating, Airlines, Vertrieb und Hotelgeschäft weitaus komplexer als ein Punkt-zu-Punkt-Carrier. Zudem muss das Geschäft in Großbritannien grundlegend saniert werden, mit Frankreich, Kanada und Russland verfügt der Konzern über genügend weitere Baustellen. 

Einen Trost gibt es: Mit dem Aktienkurs kann es nicht viel weiter bergab gehen, und die Banken haben die Finanzierung bis 2015 eingetütet. Wenn Harriet Green die erfolgeichen Touristiker und Airliner aus dem Konzern – gerade auch aus Deutschland und Skandinavien – einbindet und sie zusammen mit dem erfahrenen Finanzchef die Londoner City beruhigt, kann der Chefwechsel also durchaus eine neue Perspektive aufzeigen. Oder um es etwas prosaischer zu formulieren: Green ist die Hoffnung! 

 

 

 

KOMMENTARE
"holt eine börsennotierte Managerin" ... jetzt werden schon Manger an der Börse gehandelt? ;)

Bei NH scheint es mit einem Branchenfremden ja auch zu funktionieren!.

Und - mal ehrlich - wer denkt denn Heute noch in Vokalbeln wie "Tradition, alteingesessen, gesellschaftlich akzeptiert"? Für die Manager von Heute scheinen Kunden doch nur noch Zahlen. Ohne Emotion, ohne Verpflichtungen, ohne Gesicht. ;(
von Bernd Hellmuth, 24.05.12, 13:39
@Bernd Hellmuth: Ja, eigentlich haben Manager auch einen Börsenwert. Aber in diesem Fall war es wirklich etwas knapp formuliert, habe ich geändert. Beste Grüße, Klaus Hildebrandt
von Klaus, 24.05.12, 13:59
Börsenwert...........
Ja, aber nur bei Head Hunters und die sind bekanntlich die schlechtesten Börsenhändler.
Sie verlassen sie sich zu oft auf falsche insider infos ohne eigene input.
von ibrahim attalla, 24.05.12, 16:29
Heute überschlagen sich die Ereignisse an der Spitze der Konzerne: Nun dementiert die TUI, dass mit Thyssen-Krupp-Manager Edwin Eichler (54) schon ein Nachfolger für Konzerchef Michael Frenzel gefunden sei. (http://bit.ly/KX9iDn) Aber auch in Hannover hält man Ausschau, und auch dort dürfte wie bei Thomas Cook ein Branchenfremder zum Zuge kommen.
Mit der Entwicklung an der Spitze der beiden größten europäischen Touristikkonzerne genau fünf Jahre nach den deutsch-britischen Großfusionen beschäftigt sich auch ein Leitartikel von mir in der aktuellen fvw (hier geht es zum E-Paper für ProfiAbonnenten:
http://www.fvw.de/fvw-e-paper/15/12714)
von Klaus Hildebrandt, 24.05.12, 18:48
Ich habe Ihren Leitartikel zu den damaligen Großfusionen in der Touristik noch nicht gelesen. Es wäre aber höchst interessant einmal die Sichtweise der fvw zu erfahren, woran es wohl gelegen haben mag, dass quasi die beiden grußen deutschen Touristikkonzerne Milliarden dabei investiert haben, sich das Heft aber haben aus der Hand nehmen lassen. Oder wer zieht da die Fäden? Karl Born hatte zu dem Thema ja auch schon in seinen BBBs kritisch Stellung bezogen. Wer soll das denn wirklich glauben, das die deutschen Manager offenbar nicht fähig genug sind, das Touristgeschäft zu managen? Da wird Geld ohne Ende in angeschlagene britische Touristikunternehmen gepumpt (OK, First Choice vielleicht ausgenommen) und denen übergibt man dann ausgerechnet das Ruder.
Wegen Finanzplatz London? Sorry, aber die Vorteile haben sich mir noch nicht erschlossen - also fragt man sich, ob es die deutschen Reiseweltmeister warum auch immer nicht anders verdient haben, fremdgesteuert zu werden.
von mountjb, 25.05.12, 07:15
Eventuell erkennen die großen Touristik-Unternehmen, dass man Führungskräfte und Führungspersönlichkeiten für den Job benötigt - und keine (Ex)-Unternehmensberater.
Führungskraft = bringt die richtigen Dinge zum richtigen Zeitpunkt auf die Strasse
Führungspersönlichkeit = begeistert und motiviert dabei noch seine Kollegen
Unternehmensberater = glaubt er sei Gott und alle anderen doof, hat aber noch nie wirklich Projekte umgesetzt (eben nur beraten).
Ich wünsche Frau Green mit allen Würstchen, Traumtenzern und Funkyhausers viel Glück...
von Peter P., 25.05.12, 16:18
@Peter P.
als langjährige Kundin und Handelsvertreterin des Unternehmens schließe ich mich ihren Äußerungen uneingeschränkt an.
Ist es Zufall das "grün" als die Farbe der Hoffnung gilt ? in jedem Fall wird nun eine FRAU diesen "bedeutenden" Touristik Konzern -mit weiblicher Intuition- führen !!!
Viel Erfolg mit den hiesigen Platzhirschen, Frau Green ;-)
von Marija Linnhoff, 26.05.12, 10:16
Ich traue mich mal, zu einigen der Thesen, die im Zusammenhang mit der Führungsfrage bei TC vertreten werden, auch in den Kommentaren hier auf fvw.de, die Gegenpositionen einzunehmen. Überschrift: Die Lage ist wie sie ist, und Harriet Green ist die Richtige für den Job, wenn sie sich halten kann und die benötigte Zeit bekommt - vermutlich viele Jahre.

Dass sie eine Frau ist, lieber Klaus Hildebrand, dessen Ansichten in dieser Frage ich im übrigen weitgehend teile, und liebe TC-Pressemitteilungstexter/-innen in London, hat keine Rolle zu spielen.

An der Konzernspitze sei ein/e gelernte/r Touristiker/in zu bevorzugen? Wozu das denn? Die Ländergesellschaften agieren doch relativ selbständig. Braucht man da jemand, der ins operative(!) Geschäft fachlich durchregiert? Man muss annehmen, dass die Machtstrukturen gewiss ohnehin kompliziert genug sind, vielleicht nicht ganz so verknäuelt wie im TUI-Konzern. Das heißt keineswegs, dezentral ist alles gut und zentral ist alles böse. Aber noch mehr Machtspielchen braucht da doch kein Mensch.

Dann ist da die "Jetzt geht's lohos"-Vermutung: Man sollte sich bewusst machen, wie wenige unternehmerische Handlungsoptionen die neue Chefin wahrscheinlich nur hat angesichts der zwangsläufig schon vom alten Vorstand eingeleiteten Maßnahmen und mit Blick auf das Ungleichgewicht der beiden Seiten der Bilanz (entspricht der Markt- oder Ertragswert der Assets den Schulden?) und der auf viele Jahre fixierten Kapitalkosten (Dividende, Zinsen, Leasing....):

Weitere Assets verkaufen, um Schulden zu tilgen? Profitbringer dazukaufen? Verlustbringer verkaufen oder schließen, z.B. die in England? Noch mehr Kosten senken, ohne groß investieren zu können? Im Ernst? Hm... da ist doch jemand, der in der City für Ruhe sorgen kann, die beste Wahl. Das Geschäft wird anderswo in der Firma gemacht.

Professor Born moniert heute die fehlende Erfahrung von Mrs Green in der Führung eines "Großkonzerns". Thomas Cook ein Großkonzern? Was ist denn dann Siemens? General Electric? BP? Cook hat höchstens MDAX-Größe und ist nicht mal ein Konzern im landläufigen Sinne, sondern eine Holding aus vielen recht selbständigen und einzeln zusammengekauften Teilfirmen, letzteres gilt auch in den einzelnen TC-Ländern - übrigens genau wie für TUI und die Rewetouristik. Das Ausmaß der übergreifenden Strukturen und Funktionen ist - verglichen mit "richtigen" Konzernen - doch wohl gering, selbst wenn man die Bemühungen der drei Genannten berücksichtigt, den Zentralisierungsgrad von ihrem jeweiligen Niveau ausgehend zu erhöhen. Und natürlich die an die Zentrale abzuführende Rendite.

Derweil, nehme ich an, kauft man sich in Duisburg und München gerade neue Liegestühle, um einen besseren Blick auf den Sonnenuntergang zu haben :-)
von Skeptiker, 28.05.12, 18:04
© 2006 - 2014 Verlag Dieter Niedecken GmbH, Alle Rechte vorbehalten.
fvw.de | Impressum | Kommentarrichtlinien | Kontakt