Der starke Abgang des "hvd"

Mehr als zehn Jahre lang hat Hasso von Düring den Vertrieb von TUI Deutschland dominiert. Jetzt nimmt er Abschied: von TUI Deutschland und von den einstigen Erfolgsmodellen eines vertikal integrierten Touristikkonzerns.

Der Schreibtisch ist geräumt, seinen offiziell letzten Arbeitstag als Geschäftsführer von TUI Leisure Travel erlebt Hasso von Düring bereits aus sicherer Distanz. Nach mehr als zehnjähriger Tätigkeit endet am heutigen Montag Hasso von Dürings Amtszeit bei der TUI. Sie begann und endete als Chef der Reisebüro-Organisation TUI Leisure Travel. Sein wohl wichtigstes Amt war aber zweifelsfrei bis Ende 2011 das des Geschäftsbereichsleiters Vertrieb der TUI Deutschland, in der er versuchte die Interessen der Reisebüros und der Veranstalter zu vereinen.

Das lief nicht immer rund. Hasso von Düring verteidigte erst die Malus-Forderungen an schwächer einbuchende Reisebüros, schaffte diese dann aber ab. Er war anfangs um eine sparsame Präsenz von TUI-Angeboten auf fremden Internet-Portalen bemüht, öffnete dann aber die Tore und machte TUI-Reisen fast überall im Web verkaufbar. Und: Er galt zwar stets als Anwalt und Verfechter des stationären Vertriebs, trieb aber dennoch den Ausbau der neuen TUI.com voran.

Solch vermeintliche Widersprüche sind unvermeidlich, wenn man zehn Jahre lang oberster Verkäufer beim Veranstalter-Marktführer ist. Im Gegenteil: Anders als manch Amtskollege in den Veranstalter-Metropolen dieser Welt bekannte sich "hvd", wie er intern stets genannt wurde, zu kontroversen Ansichten und stellte sich der Diskussion. Der Mann hat Format. Und genau das wird TUI vom morgigen Tag an fehlen.

Seine Abschiedstournee in der vergangenen Woche lässt erahnen, dass von Düring seinen Respekt vor dem Status eines vertikal integrierten Reisekonzerns zurückschraubt. Auf dem fvw-Brennpunkt "Service-Entgelte" beteiligte sich Hasso von Düring munter an der Dikussion. Seine Kernaussage: Lufthansa.com habe trotz gestrichener Service-Entgelte den Nachteil, eben keine neutrale Auswahl an Flugtickets zu bieten. Doch ohne vollwertiges Sortiment, in diesem Fall also ohne Flugtickets etwa von British Airways und Air France, habe man im transparenten Internet stets einen Nachteil. Zur Erinnerung: Mit einer ähnlichen Strategie ist nun auch die neue TUI.com am Start. Es ist kein Geheimnis, dass der scheidende Vertriebschef andere Pläne hatte.

Auf dem Destinationcamp am Wochenende in Hamburg wurde Hasso von Düring noch deutlicher. Im dazu passenden Blog schreibt von Düring selbst von der "Ohnmacht der Veranstalter". Die Wertschöpfungskette der großen Konzerne sei unter Druck, weil wegen des Internets ohnehin jeder alles kann. Sprich: Auch Leistungsträger werden zum Veranstalter, die Reisebüros sowieso. Wozu also Bedarf es noch eines Veranstalters? In interner Runde soll Hasso von Düring zu dieser Frage deutliche Worte gefunden haben. Es wird gemunkelt, der scheidende TUI-Manager habe das Geschäftsmodell vertikal integrierter Reisekonzerne unter den heutigen Marktbedingungen recht deutlich in Frage gestellt.

Bestätigt ist das nicht, aber doch sehr plausibel. Denn "hvd" legt stets gern den Finger in die Wunde. Bislang hat er das in internen Projektrunden in Hannover gemacht. Deshalb hat die TUI den Reisebüro-Malus abgeschafft. Deshalb gab es, bis kurz vor dem großen Knall, auch Planungen für ein neutrales Veranstalter-Angebot bei TUI.com. Morgen ist Hasso von Düring raus bei der TUI. Das wird nicht unbemerkt bleiben.

Update 2. Mai: Hasso von Düring ist bereits heute als neuer Geschäftsführer bei Lufthansa City Center vorgestellt worden. Die Hintergründe dazu lesen Sie auf fvw.de.

KOMMENTARE
"............Der Mann hat Format. Und genau das wird TUI vom morgigen Tag an fehlen............" ein Guter; der unlängst vom Saulus zum Paulus mutierte und damit zum moralischen Gewissen der TUI Deutschland wurde. Jetzt geht´s der Basis wieder an den Kragen.............

Achtung und Respekt für dieses Urgestein der Branche !!!
von Marija Linnhoff, 30.04.12, 13:13
"Recht deutlich in Frage gestellt..." ist ein Euphemismus ;)
von Peter Eich, 30.04.12, 14:29
Jetzt wird die LH alle Fehler der TUI noch mal wiederholen, um dann in 10 Jahren festzustellen, dass sie gravierende Fehlentscheidungen getroffen hat. Es ist schon erstaunlich, dass mit denen, die am dichtesten am Kunden sind, nicht geredet wird. "hvd" hat immerhin diskutiert und zugehört, nur sein Konzern nicht. Aber die Konzerne haben ja genug Geld (Schulden), um sich jede Menge Berater leisten zu können, die zwar vom Tourismus nichts verstehen, aber von ihrem "Beratergeschäft".
von Jochen Szech, 30.04.12, 22:33
"Der König ist -Gott sei Dank noch nicht- tot, die Karawane zieht weiter!"
Fragt sich nur wohin? Zu welchem ZIEL?
Für mich ist außer den offiziellen Personalrochaden nichts erkennbar.
Außer einem deutlichen qualitativen Personalsubstanzverlust, der ausstrahlt bis auf die einfachsten Ebenen in Hannover, denn nur Technik ist nicht alles.

Im Personaltheater der TUI ist nun auch Dr.Böttcher von dannen gekommen und "befördert" worden..
Das alles unter dem Hintergrund des GET 2015,das gerade bis Ende 2012 für für allseitige für Furore,Aufregung und Frust sorgte.
"Undank ist der Welten Lohn";denn sicher wollten wohl beide aktiv weiterarbeiten.

Die Renditemagier aus London und Hannover mit allen ihren Hintermännern opfern systematisch bewährte deutsche Touristiker und Manager, die doch das Beste gaben in nicht so einfachen Zeiten..
Zählt reale Arbeit der letzten Jahrzehnte gar nichts mehr? Das waren doch keine Blinden, sondern versuchten bis zuletzt an konstruktiven Lösungen mit guten Ergebnissen inbesonders auch für den stationären Vertrieb zu arbeiten.
Ich denke, doch auch erfolgreich.
Schade,daß in dieser zum Teil auch von außen selbstverschuldeten Krise sie keine Chance bekamen, ihre weiteren Konzepte umzusetzen.

Das wird zukünftig Energie, Zeit und Geld kosten und binden bei diesem Wechsel...nur damit nun die "schwedische Seilschaft" mit ihrer Strategie-die für mich noch nicht erkennbar ist-alles beser machen will.Daran zweifele ich sehr.

Das Führungs-Rad wird auch in Schweden oder Großbritannien nicht neu erfunden.
Der erste schon deutlich sichtbare strategisch Fehler ist die Neutralität von tui.com aufzuheben!Das wird dann in Zeit von jedem nachzuvollziehen sein.

So ist es mehr als bedauerlich, daß nun alles vorbei zu sein scheint.

In diesem Sinne waren Herr von Düring und auch Dr.Böttcher zuverlässige Größen der TUI Deutschland im letzten Jahrzehnt und dafür danke ich!
von Dietmar F.K.Jaschinski, 01.05.12, 19:34
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