Spagat oder Salto Mortale?

Hannover und Berlin, Jobabbau und Wachstum, Spezial- und Massentouristik, Katalog und X-Produktion, Reisebüro und Internet, TUI-Chef Volker Böttcher wagt gleich mehrfach den Spagat. Die neue Technik lässt ihm kaum eine andere Wahl.


Jetzt ist es amtlich: Trotz solidem Wachstums wagt TUI Deutschland den Kahlschlag. Insgesamt 550 Stellen fallen weg, 400 davon beim Veranstalter selbst. Zusätzlich verlagert TUI mit der Online-Tochter TUI Interactive ein wichtiges Zukunftsfeld von Hannover nach Berlin.

Das lässt nichts gutes Erahnen für die Zukunft der TUI in Hannover. Tatsächlich aber ist es das. So wie in den vergangenen Jahren ging es nicht weiter. Während dynamische Veranstalter wie V-Tours, LMX und JT Touristik rasant zulegten, stagnierte beim Marktführer das Geschäft. Marge vor Wachstum - dieses von der TUI-Travel-Zentrale in London vorgegebene Prinzip hat der Tochter in Hannover viel Dynamik gekostet. Eine X-TUI kann preislich nur bedingt mit der schlanken, virtuellen Konkurrenz mithalten – bislang zumindest.

Keine Frage: Der Marktführer ist geradezu gezwungen, seine Kostenstruktur im heiß umkämpften Massengeschäft anzupassen, so lange der Preis das wichtigste Auswahlkriterium ist. Hier greift TUI nun gleich doppelt an: Einerseits mit deutlich schlankeren Strukturen für das klassische Massengeschäft und starken Wachstumszielen für die X-Ableger von TUI, 1-2-Fly und vor allen Dingen Discount Travel. Andererseits mit einem deutlich erweitertem Portfolio an individuellen Angeboten.

Den Spagat zwischen margenstarker Spezialtouristik und voluminösem X-Geschäft hat Böttcher erkennbar in Griff. Sollte das Konzept aufgehen, wird womöglich auch die Entlassungswelle nicht ganz so schmerzhaft, wie jetzt zu befürchten ist. Schließlich will die TUI ja mittelfristig wieder wachsen und damit durchaus auch neue Stellen schaffen.

Viel spannender wird der Spagat zwischen Reisebüro und Internet und damit künftig auch zwischen der Zentrale in Hannover und der bewusst losgelösten Online-Tochter in Berlin. Volker Böttcher beschwört, seine Agentur-Partner mitnehmen zu wollen bei seiner dringend nötigen Aufholjagd durch das World Wide Web. Für dieses Versprechen standen bislang Vertriebs-Chef Hasso von Düring und seine Fremdvertriebs-Chefs Sibo Kuhlmann und Dieter Zümpel. Das Trio befindet sich nun im Abgang oder auf dem Rückzug.

Das wiederum war nicht in allen Fällen das Ziel von Volker Böttcher. Aber er ist unumkehrbar. In der Telefon-Konferenz heute verwies Volker Böttcher mit Stolz auf den aktuellen Veranstalter-Check von fvw und GfK. Es stimmt: TUI ist aktuell der Liebling der deutschen Reisebüros. Gerade dem externen Vertrieb hat es die TUI zu verdanken, dass der Marktführer nach vielen Jahren der Stagnation in diesem Jahr voraussichtlich erstmalig wieder über Marktdurchschnitt wachsen kann.

Es ist ein legitimes Ziel von Böttcher, endlich auch im E-Commerce eine führende Rolle zu spielen. Die TUI kann es sich nicht leisten, dauerhaft den Innovationen des Internets hinterher zu rennen. Die Online-Offensive in Einklang zu bringen mit der verlässlichen Vertriebspolitik der vergangenen Jahre ist mehr als ein Spagat. Es ist der Salto Mortale ohne Netz und doppelten Boden. Wenn er gelingt, gibt es aufrichtigen Applaus. Und wenn nicht? Ich wünsche viel Erfolg. Sie auch?

 

KOMMENTARE
Und irgendwer soll auch noch genug Geld haben, um es in die Reisebüros und zu den Veranstaltern zu tragen...
von Wolfgang Schneider, 29.09.11, 16:11
TUI verschläft m. E. seit Jahren die aktuellen Entwicklungen im Segment Reise. Nochmal an alle: die 80ziger Jahre mit Reisebüro-Monopolstellung sind vorbei und kommen nicht mehr zurück. TUI fährt seit Jahren zickzack, "...jetzt Angriff im eCommerce..." danach wieder "...volle Kraft für die Reisebüros..." morgen wieder alles anders. Was die großen Tour-Operator nicht können: die Kanäle und Maßnahmen am KUNDEN ausrichten. Es werden Strategie und Roadmaps nach internen Strukturen und Interessen ausgerichtet - und die sind dem Kunden doch herzlichst egal... Er bucht mal online, mal offline... und auch wenn es keiner hier gerne liest: mehr und mehr online (Einschränkung: auf jeden Fall die "einfachen" Produkte). Und zu den Umstrukturierungen (Entlassungen): Touristiker können kein eCommerce, woher auch... Also Touristiker raus, eCom'ler rein. Würden wir an der Konzernspitze auch so machen. Umzug nach Berlin hat einen einfachen Grund: versuchen sie mal einen eCom'ler nach Hannover zu locken...;-) Mal sehen, wie groß das Beben in den Reisebüros aufgrund der eCom-Offensive der TUI sein wird - dann wird die Strategie auch wieder eingestellt...
von Horst, 29.09.11, 17:02
Das Trio Vertrieb HvD &Co war erfolgreich oder?


Was war so schlecht am bisherigen erfolgreichen Vertriebstrio?

Die neue Riege -zudem von außen-muss es erst beweisen.

Nur die bisherige mangelhafte Technik konnte bisher durch vermehrten personellen Einsatz allerorts noch kompensiert werden.

Preis und Rendite sind wichtig siehe auch ungelöste HapagLloyd-Probleme ;menschlich
zuverlässige Ansprechpartner für uns ebenso wie für den Kunden der Reisebüros.

Neue Besen kehren gut-alte noch die Ecken! Wie werden kritisch abwarten müssen!




Ob dies besser wird ist zu bezweifeln!Der Tui-Vertrieb braucht zuverlässige
Ansprechpartner wie bisher!Der Kunde ebenfalls und nicht alle Tage neue Gesichter !
von Dietmar Jaschinski, 30.09.11, 02:57
Ich gebe Horst zu 100% recht. Gute Touristiker sind keine guten E-Commerce-ler sondern gute Touristiker. Solange alteingesessene bei der Interactive das Sagen haben, wird in diesem Bereich nichts weitergehen. Irgendwann sollte man soweit sein das Thema E-Commerce in die Hände von Spezialisten zu legen. On- und Offline sind zwei Paar Schuhe. Nur wer das erkennt kann Erfolg haben. Ein Onliner kann (und muss) seine Erfahrungen in der Touristik sammeln, das ist einfacher als dass ein alteingesessener Touristiker Erfahrung im Online Marketing innerhalb von Monaten anhäuft. Meriten zählen nicht wenn es darum geht ein neues Geschäftsfeld zu erschließen. Seit 2004 lernt man bei der TUI leider nicht aus den Fehlern. Das ist schade, denn irgendwann wird das Fehlen dieser Erfahrungen auch dem Giganten am Reisemarkt auf den Kopf fallen. Rom ist nicht an einem Tag untergegangen - aber es ist untergegangen.
von Christoph Kluge, 30.09.11, 09:01
Sorry, Herr Rogl,

mit diesem Kommentar haben Sie, aus meiner Sicht, sich und der fvw keinen Gefallen getan!

- Wo sind mitfühlende Worte an die 550 betroffenen Mitarbeiter des Unternehmens?
- wo sind Ansätze von kritischen Fragen an das "Wirken" von Herrn Böttcher (Frenzel)?

Im Gegenteil, so konstatieren Sie Herrn Böttcher in einigen Bereichen einen guten "Job" gemacht zu haben.

Das mag vielleicht so sein. Aus meiner Sicht trägt jedoch die verantwortliche Führung gesamthaft die Verantwortung für die jetzige Situation. Mitarbeiter abzubauen ist ein "leichtes" Unterfangen, trifft jedoch in der Regel die, welche die Situation "nicht verantwortlich" geschaffen haben.
Somit, aus meiner Sicht, ein eher schwacher Kommentar zur Situation bei der TUI, oder dem Schaffen/Nicht-Schaffen von Herrn Böttcher.
von Frank Dost, 30.09.11, 09:09
Hier der Standpunkt eines Reisebüros zu dem Thema:
In den letzten 20 Jahren konnte man die Entwiklung ( bei TUI und Cook gleichermaßen ) beobachten, das am Personal in immer rasanterer Geschwindigkeit gespart wurde. Es wird sich bald niemand mehr daran erinnern das es einmal regionale Buchungszentralen und eine persönliche Agenturbetreuung gab. Das schlimme an der Sache ist, daß in den Medien diese radikalen Sparmaßnahmen mit einer Verbesserung des Service begründet werden.
Also mit anderen Worten die Veranstalter haben mit dem bisherigen Personal absolut am Limit gearbeitet. Wenn da jetzt nochmal eingespart wird - muß zwangsläufig auf Reisebuchungen verzichtet werden, die dann bei anderen Veranstaltern platziert werden.

So wie früher, das die TUI Stammkunden hatte - die nur mit der TUI verreisen wollten ist es sowieso schon lange nicht mer - der Kunde bucht TUI weil die gerade zufällig das haben was er sucht und das nächste mal findet er das wo anders.
Ich will ja nicht ganz so schwarz malen, wie Ackermann für die Finanzbranche - aber in die Richtung gehts in der Touristik leider auch.
von Robert, 30.09.11, 19:25
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