Wolle Reisebüro kaufe?

Warum will ein Investor 200 Reisebüros kaufen? Ist Thomas Cook ein Übernahmekandidat? Will TUI-Chef Michael Frenzel eigentlich noch Hapag verkaufen? Und die besten News von heute. Hier meine ganz persönliche Wochenschau.

1. Wenn Menschen auf der Titelseite der fvw erscheinen, handelt es sich meistens um bekannte Manager. Auf der Ausgabe vom 13. August ziert mit Olaf Zachert ein Mann die Frontseite, den kaum jemand in der Branche kennt. Der Herr Zachert ist Chef der nach seinen Initialen benannten Anlagefirma OZ Capital und will bis zu 200 Reisebüros kaufen. Ja, Sie haben richtig gelesen, keine Internet-Portale, Meta-Searcher oder Reise-Communities, sondern reale stationäre Läden. Nun gelten Reisebüros unter Investoren angesichts von Mini-Renditen von im Schnitt 0,6 Prozent nicht gerade als sexy. Das Wort "Reisebüro-Sterben" hat bei Google stolze 322.000 Sucheinträge. Meine Kollegen Ira Lanz und Arndt Aschenbeck besuchten Olaf Zachert in seinem schnieken Büro, und wir waren uns in der Redaktion einig: Das Stückt ist eine Titelstory einer sommerlichen Ausgabe. Ob Zachert ein Magier, ein gewiefter Geschäftsmann oder ein armer Irrer ist, müssen Sie nach der Lektüre selbst entscheiden.

2. TUI Travel und Thomas Cook wurden an der Börse tüchtig für ihre mauen Quartalzahlen verprügelt. Erst zum Wochenschluss ging es dank einer recht positiven Studie von Goldman Sachs wieder aufwärts. Sauer stieß den Analysten auf, dass der vor einigen Wochen noch sehr optimistische TUI-Travel-Chef Peter Long die Börsianer mit einem sehr verhaltenen Ausblick überraschte. Ein englischer Börsenkommentator sieht Thomas Cook gar schon als möglichen Übernahmekandidaten. Denn Private Equity Firmen seien sehr interessiert an Unternehmen, die hohe liquide Mittel besitzen und unterbewertet sind. Thomas Cook verfügt in der Tat (wie alle Veranstalter) über viel Cash und der Kurs ist fast auf ein Jahrestief abgesackt. Doch ob eine Beteiligungsfirma sich wirklich an so einen Brocken wie Thomas Cook wagen würde? Da fällt mir ein: Ex-Cook-Chairman Thomas Middelhoff, ist doch auch als Finanzinvestor tätig, früher bei Investcorp, heute bei BLM (Berger, Lahnstein, Middelhoff) in London. Bevor irgendeine andere Heuschrecke kommt: Herr Middelhoff, übernehmen Sie!

3. Die TUI AG in Hannover litt an der Börse zwar auch unter den Quartalszahlen von TUI Travel, aber es gibt ja zum Glück noch Hapag-Lloyd. Vor einigen Jahren noch wollte TUI-Chef Michael Frenzel die Touristik verkaufen und allein auf die Container-Schifffahrt setzen (und die Zentrale in die Hamburger Hafencity verlegen). Es kam anders, und sonst wäre die TUI AG auch schon im vergangenen Jahr mit Hapag-Lloyd untergegangen. Aber nun segelt Hapag-Lloyd dank des Exportbooms in die schwarzen Zahlen. TUI-Finanzvorstand Horst Baier sagte, der Konzern wolle Hapag weiter verkaufen, aber es gebe keine Eile. Kein Wunder. Je mehr die Hamburger verdienen, desto mehr lässt sich für die verbliebenen 43,3 Prozent erlösen. In der Branche wird aber auch spekuliert, Frenzel habe es aus ureigenem Interesse gar nicht so eilig mit einem Verkauf. Denn dann würde zum Beispiel sein Intimfeind John Fredriksen sofort wieder fragen, wozu man denn überhaupt noch eine teure Holding samt Vorstand in Hannover braucht, da doch die Touristik eh in London geführt wird (und wo man die Hotels und deutschen Kreuzfahrer auch angliedern könnte).

4. Meine Lieblingsmeldung auf fvw.de heute handelt von Novasol: Eltern in spe winkt ein Freiaufenthalt, wenn sie ihr Kind in einem Novasol-Ferienhaus in Dänemark gezeugt haben. Diese Marketingaktion kann teuer werden, liebes Novasol-Team: Viele Ferienhäuser an den dänischen Küsten sind recht einsam gelegen, und in den vergangenen Wochen hat es viel geregnet.

5. Zum Schluss eine Produktnews, für alle Urlauber, die lieber ohne Kinder verreisen: Die Müller Touristik eröffnet ein Service-Büro in Willingen, teilte der Veranstalter heute mit. Willingen? Hatte ich noch nie gehört. Aber dank Google weiß ich nun: Dort im beschaulichen Sauerland liegt das Hotel Sauerland-Stern, allen partywütigen einsamen Herzen, Kegelclubs und Wolfgang-Petry-Fans bestens bekannt. Warum müssen wir Touristiker immer in die Ferne schweifen, das Gute liegt doch so nah. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen auf Ihren Partys am Wochenende!

 

 

KOMMENTARE
@Klaus:Zu 2.: Middelhoff ist keine Heuschrecke, sondern der Schreck schlechthin"! Und zu u 5.: Willingen, bis zu der Müller-Meldung noch nie gehört? Das gibt's doch nicht! Der wichtigste deutsche Wintersportplatz nördlich der Alpen; das jährliche Skisprung-Weltcup-Spektakel; Holländer en masse - und seit nunmehr bald 40 Jahren der Sauerland-Stern, in dem viele Reiseveranstalter schon ihre Programmvorstellungen abgehalten haben. Und Heinz Müller, Gründer von Müller Touristik, begann eben dort seinen sagenhaften Aufstieg zum Kegel-Müller, nachdem er zuvor Kurdirektor von Brilon war (Brilon? Schon mal gehört?) Und so etwas ist dem FVW-Chefredakteur bisher verborgen geblieben und er musste in Google danach suche? Nix für ungut! Ich hoffe, Sie werden bald mal dorthin eingeladen
von Waldemar, 13.08.10, 15:30
@Waldemar: Von Willingen hatte ich tatsächlich noch nie gehört, nur vom Sauerland-Stern. Aber ich weiß gar nicht, ob ich dahin wirklich eingeladen werden will...

Zu Middelhoff: Klar, sein Image ist am Boden zerstört und das mit dem "besenrein übergeben" bei Arcandor war ja auch leicht übertrieben. Bei Thomas Cook gibt es allerdings Leute, die Middelhoff gar nicht mal so schlecht als Chairman fanden. An allererster Stelle CEO Manny – der allerdings auch mächtig von der von Middelhoff unterstützten My-Travel-Übernahme profitierte.
von Klaus, 13.08.10, 15:37
Meines Wissens nach ist Zachert ein Visionär, - und zwar einer, der nicht laut Altbundeskanzler Schmidt zum Arzt muss. Er liegt mit seinen Ambitionen auch im Trend. Altmüller von der Volksbank Altötting kauft schließlich auch alles, was nicht schnell genug die Türe für ewig schließt.

Bei aller Diskussion um Onlineportale und Rabatte drüfen wir nicht vergessen, dass nicht nur die Veranstalter den Knall vernommen haben, auch die traditionellen Reisebüros sind wach geworden, schaufeln sich immer mehr Zeit frei, um an ihrem desolat geratenen Image zu basteln.

Es wird eine Aufholjagd, aber man sollte auch bedenken, dass wir inhabergeführten Reisebüros, die jahrelang in ihrem kleinen Ladenlokal um der Ecke vor sich hingewerkelt haben, tagtäglich intensivst dafür gesorgt haben, dass die Verbraucher richtig beruhigt zu angemessenen Preisen ihren Urlaub genießen können, sich vorgenommen haben, 10 - 20 Minuten am Tag Öffentlichkeitsarbeit zu machen, sich massiv gegen den Branchen-Wahnsinn stemmen und die positiven Seiten des stationären Qualitätsvertrieb wieder ins öffentliche Bewusstsein rufen.

Der Schmetterling Reisebürobeirat z.B. ist an allen öffentlichen Fronten aktiv, um die Qualität wieder in das Bewusstsein zu rücken, Billigheimer zu entlarven und ein neues Verhältnis zu den Veranstaltern aufzubauen, was dann natürlich auf Augenhöhe funktioniert.

Dass Visionäre, wie Zacher das sehr wohl registrieren und ihr Portfolio um ganz viel echten Reisenvertrieb aufstocken, das wird ihn erfolgreich machen in der Zukunft.
von Wolfgang Hoffmann, 13.08.10, 15:55
zu 1. Hier denkt und handelt scheinbar ein Strohmann für einen Onliner? ;-)

Schade das ich schon 6 Jahre keine stationären Reisebüros mehr habe...
von www.Wochenschau.TV, 13.08.10, 19:08
Lieber Klaus Hildebrand,

es freut mich sehr, dass unsere jüngste Aktion ihre Aufmerksamkeit gefunden hat. Ich muss jedoch ihre Meldung etwas korrigieren: Unser Angebot an kommende Eltern gilt nicht nur den einsamen dänischen Ferienhäusern, sondern allen 28.000 Ferienhäusern von NOVASOL in gamz Europa.

Bei der bisherigen demographischen Entwicklung mache ich mir trotzdem wenig Gedanken über das finanzielle Risiko. Wenn es in Deutschland nicht endlich gelingt diesen Trend rückgängig zu machen - dann Gnade uns Gott. NOVASOL lebt von Familien! Die Touristik lebt auch nicht nur von "wellness-singles" und Cluburlaub. Familien fehlen in den Reisebüros - das lese ich Jahr für Jahr so lange ich die FVW lese. Auch die Regierungen ändern nichts - und produzieren offenbar kontraproduktive Regierungsbeschlüsse die viel Steuergeld kosten aber nichts bringen.

Ich finde das auch private Initiativen notwendig sind. Insofern verdient auch die neue NOVASOL-Initiative - man mag über sie lächeln - Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Übrigens: Für jeden der an unseren "Wettbewerb" teilnehmen möchte, empfehle ich besonders eine romantische NOVASOL-Villa in Italien oder ein völlig einsames Ferienhaus in den schwedischen Wäldern.
von muckenschnabel, 16.08.10, 11:19
Kann die OZ-Strategie wirklich funktionieren ? Analysiert man das ALDI-Prinzip, dann kann aus viel Kleingeschäft in der Summe zwar ein großes werden, allerdings nur dann, wenn bestimmte Parameter eingehalten werden. Als da sind: Händlerstatus (also eigenständige Kalkulation), KEINE Beratung, SelfService etc.. Nur so wird viel Kleingeschäft zu einem großen. Alle diese Parameter gibt es aber im stationären Reisebüro-Vertrieb nicht. Da ist man Handelsvertreter, da gehen die Kunden hin, um beraten und bedient zu werden. Will man keine Beratung mehr leisten, wird auch der Kunde nicht mehr da sein. Und ohne Kunden gibt es nicht mal Kleingeschäft.
von Andreas Schulte, 16.08.10, 15:26
@andreas schulte." ...Da ist man Handelsvertreter, da gehen die Kunden hin, um beraten und bedient zu werden." Genau so ist es. Wenn nämlich eine gute und kompetente Beratung gewährleistet ist, kann man auch heute noch noch mit Reisebüros eine auskömmliche (sogar gute) Rendite erzielen. Es gibt genügend inhabergeführte Büros, die dies belegen. Und das müsste auch bei Ketten möglich sein, wenn gut ausgebildete und bezahlte Reiseverkäufer (nicht Expedienten) angestellt werden, die dann auch entsprechend motiviert sind. Dann könnte auch heute noch ein Newcommer Erfolg haben!
von Franz Larisch, 16.08.10, 15:41
@ Andreas & Franz - ein netter Traum , das mit den Renditen- Beratung etc. okay und irgendwann kommt der Spruch des Kunden: " Wieviel Rabatt bekomme ich bei Ihnen , mehr als 5 % ?"
Und das war es dann mit der Rendite..., ist bei Einigen noch nicht so ? Wartet mal, kommt noch ....
von Thomas, 19.08.10, 14:55
@mucke
zu Punkt 4

...Schnackseln für die Konjunktur..sehr gute Idee :-)
von Andreas, 23.08.10, 11:09
Die OZ-Strategie mady by Aldi ist populistisch, aber kann nie aufgehen. Aldi lebt hauptsächlich davon, durch Masseneinkauf die Produzenten zu knechten. Den Preisvorteil gibt man weiter. In der Reisebranche hat man als Handelsvertreter keinen Einfluss auf den Preis und eine Größenordnung, mit der man TUI knechten kann, wird auch OZ (Übersetzung für Ober-Zocker?) sicher nicht erreichen. Es ist auch sehr vermessen zu glauben, dass alle bisherigen Kettenchefs auf den Bäumen schlafen und nicht auch schon alles versucht haben. Was will der Bubi besser machen?
von Adi, 23.08.10, 16:05
Vielleicht sollte Adi den Artikel vor dem nächsten Kommentar erst einmal richtig lesen....
von Gerdq, 24.08.10, 11:06
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