Wird die Touristikpresse überflüssig?
Die Frage stammt nicht von mir. Auf der ITB wird diskutiert, ob Blogs und Soziale Netzwerke die Presse ablösen. Und wie die Reiseunternehmen und Destinationen überhaupt noch die Urlauber erreichen. "Verlieren die klassischen Medien ihre Bedeutung als Nachrichtenlieferanten? Wie informieren sich die Reisenden? Wie ist es um die Zukunft der Reisejournalisten bestellt?" Diese Fragen stehen in einer Einladung zum ersten Mediengipfel, der am 12. März im Rahmen des ITB-Kongresses stattfindet.
Keine Frage, Netzwerke wie Facebook, Bewertungsportale, Reise-Communities und unzählige Reiseblogs verändern das Informationsverhalten von Urlaubern. Folge: "Eine verunsicherte Reiseindustrie fragt sich: Wie erreichen wir die Konsumenten?", meint ITB-Direktor Martin Buck von der Messe Berlin. Ich bin gespannt auf die Veranstaltung, auf der Journalisten, online-affine Touristiker und PR-Leute diskutieren. Denn die Fragen stellen sich ja auch für uns Fachjournalisten, wie PR-Mann Thomas Wilde, der auch für die ITB aktiv ist, mir gegenüber heute richtig anmerkte. Aber: Ich halte auch nichts von den ewigen Grabgesängen, die gerade wir Medien gerne über uns selbst anstimmen. Es gebe schon eine "masochistische Lust am Untergang" bei Journalisten, meinte neulich Springer-Chef Mathias Döpfner in einem Interview.
Springer zeigt selbst mit einer interaktiven "Bild" (die im Internet zu Spiegel Online aufgeschlossen hat) wie es geht. Und es gibt Print-Titel wie "Die Zeit", die aktuell gut zulegen, weil sie ihren Lesern die Welt erklären. Aber es stimmt schon: Für jeden Inhalt gibt es den richtigen Kanal. Für Nutzerbewertungen und schnelle Infos ist das Internet klasse – aber richtig Lust auf Urlaub macht da doch eher eine gut geschriebene und bebilderte Reisereportage, die ich gemütlich auf der Couch lese. Für die Fachpresse und besonders die fvw als 14-tägiges Magazin gilt das gleiche: Die täglichen schnellen Infos finden Sie im Netz – sei es das x-te Hotel in der Karibik, die Quartalszahlen der Unternehmen oder die neuesten Flugverbindungen. Hintergründe, Einordnung und auch Lesevergnügen gibt's im Magazin.
Und ein Vorurteil kann ich ehrlich gesagt nicht mehr hören: Dass wir "klassische" Medien (das hört sich ja auch immer schon so nach Bach und Beethoven an) nichts mit den neuen Medien anzufangen wüssten und sie als Gefahr sähen. Meine Kollegen und ich werden nicht dafür bezahlt, tote Bäume zu bedrucken, sondern für das Aufbereiten von Informationen für das jeweils richtige Medium. Viele bekannte (und glaubwürdige) Medienmarken sind im Internet inzwischen gut unterwegs. Wir können uns nicht mit Spiegel & Co messen, aber immerhin haben wir bei der fvw jetzt auch schon den zweiten Blog am Laufen, und unsere TravelTalk-Community nimmt mit über 10.000 registrierten Expedienten auch Fahrt auf. Mir persönlich macht das Bloggen genauso viel Spaß wie das Schreiben einer großen Geschichte für die fvw. Ich bin gespannt, wie die Diskussion auf der ITB verläuft. Wenn Sie nicht bei der Diskussion dabei sind, Sie werden es erfahren: Bei uns auf der Website, über die Twitterer der fvw oder im fvw ITB Daily, der Tageszeitung auf der Messe.


Wenn viele im Internet Ihre Reise planen, Reisebüromitarbeiter sich informieren wollen, macht es Sinn auch dort zu werben, derjenige der das nicht tut, muss auch nicht dort abgeholt werden. Richtig ist das es viele Druckmedien – innerhalb der Touristik und auch ausserhalb – gab, die nicht überlebt haben, eben weil sie sich nicht geöffnet und dem geänderten Leserverhalten angepasst haben. Ein Hochglanzmagazin über Kreuzfahrten wirkt widerrum nur und gerade gedruckt. Kurzfristige, oder auch diskussionsfähige Neuigkeiten machen sich bestens in Blogs. Will man unbedingt bei Twitter dabei sei, nur weil das viele tun, veröffentlicht dann aber zwei Meldungen im Monat, macht das wenig Sinn.
Jeder sollte das tun was er am besten kann, dort publizieren wo es am sinnvollsten ist, und weder das eine, noch das andere grundsätzlich ausschliessen nur weil es vermeintlich "alt/klassisch" ist, oder "modern/gerade in".
In guten Marketingabteilungen werden ganze Historien verfolgt, wie, wo wann und warum der user den Weg zur Buchung gefunden hat. Ausgeblendet bei den "Alten" wird jedoch die gesellschaftliche Veränderung (die nicht so elementar ist wie immer erwartet, ich war auch noch nie mit dem Notebook auf dem Klo...;-), allerdings kann kein Unternehmen/Reisebüro Hotels und/oder Reisen verkaufen, die auf x-Bewertungsportalen schlecht bewertet sind - das kauft keiner mehr (ab). Hier stößt man allerdings auf eine Beratungsresistenz, die den Anschein erweckt, als verschließt man absichtlich die Augen (wenn ich Dich nicht sehen kann, siehst Du mich auch nicht).
Und apropos Nachhaltigkeit: ein großes deutsches Internetunternehmen, dass u. a. auch Reiseportale betreibt geht massiv den Weg in TV! Das ist Markenaufbau pur, oder glaubt einer daran dass nach Ausstrahlung sofort alle Rechner angehen und gebucht wird...?
Sehr viele Unternehmen gleichen einer Silvesterrakete. Der Start geht noch gemeinsam ab. Man fliegt auch zusammen nach oben. Aber dann lässt der Kopf alles los und jeder hat ab nun gefälligst alleine zu leuchten. Das tun sie ja dann auch eine Zeit lang, zum Vergnügen der Zuschauer. Dass die Entscheidungsprozesse innerhalb Familien einer gewissen Dynamik unterworfen sind, die z.B. von den Angeboten der elektronischen Medien ausgenutzt werden, das ist Fakt. Die Abstimmung, was und wann gebucht wird, findet Zuhause wesentlich spontaner statt, als im Reisebüro. Um so wichtiger ist es für den stationären Vertrieb ebenfalls beim Verbraucher Zuhause anwesend zu sein. Ein Printmendium, z.B. eine Kundenzeitschrift kann das realisieren. Sind die Angebote attraktiver, als das, was die elektr. Medien anbieten, sind die Chancen groß, dass der Verbraucher mit dem Angebot auf dem Papier auch wirklich ins Reisebüro geht. Sind es me-too Produkte, wird eher multimedial gebucht. Gleichwohl wird diese Art der autonomen Buchung immer auch die Gefahr bergen, dass nach der Buchung Enttäuschungen aufkommen. Mängel werden bei dieser Form des Einkaufs eher hoch gewertet, als bei der Buchung in einem Reisebüro, wo im Vorfeld auf eventuelle Mängel hingewiesen wird. Jedenfalls von guten Verkäufern. Auch ist es ein großer Unterschied, ob eine beschreibung des Produkts im Print als Beweis vorliegt, oder ob man sich eventuell gar nicht mehr daran erinnern kann, wie das denn im Internet beschrieben gewesen ist oder, wie Dagobert es im Fernsehen erzählt hatte. Das Printmedium ist nicht Fossil, ist keine gedruckte Beilage für die digitalen Medien, ein gedrucktes Produkt ist von sich aus schon funktionell und bedarf keiner anderer Medien. TV und Internet kommt ohne traditionelle Medien als Grundlagen aber nicht aus.
http://www.presseportal.de/otsEinladung/event/a8b5...
"ITB-Mediengipfel 2010: Wie wir uns in Zukunft informieren - Machen Blogs, Facebook & Co die Touristikpresse überflüssig?"
Ich denke allerdings, dass die Fragestellung etwas ganz anderes klären soll: "Welcher Information vertraue ich als Leser?"
Und hier ist hauptsächlich gemeint, welcher Quelle man mehr vertraut. Da ist auf der einen Seite der Journalismus, der am Ende des Tages mit der Informationsweitergabe (und Werbung) Geld verdienen muss. Und da sind auf der anderen Seite viele Menschen, die kostenlos ihre persönlichen Erfahrungen mitteilen.
Auch bei dieser "Vertrauensfrage" muss jeder für sich die Entscheidung treffen. Meiner Meinung nach ist tatsächlich in dieser Frage eine leichte Verschiebung von dem Journalismus hin zur Meinung der Masse zu erkennen. Denn eines ist nicht zu bestreiten: wer mit Informationsweitergabe sein Geld verdienen will, hat nicht nur Einnahmen durch den Verkauf der Publikation, sondern auch durch Einnahmen für Werbung. Hier kann ein Konflikt entstehen. Denn man will den Werbenden nicht durch negative Informationsweitergabe vergraulen. Die einfache Meinungsäußerung von einzelnen Menschen hat diesbezüglich keinen Konfliktpunkt.
@Sven Maletzki und Bernd Schray: Alles richtig. Aber auch Anzeigenkunden wollen kein kritikloses Magazin (weil das dann keiner liest), es ist auch immer eine Frage der Tonalität und wie man mit den Menschen in unserer Branche umgeht. Stimme auch der These zu, dass User Generated Content und die Weisheit der Massen längst nicht immer objektiver ist: Auch in Foren und Blogs verfolgen Autoren eigene Interessen und in Portalen werden zum Beispiel Hotelbewertungen gefälscht.
Oder um den Faden aus der Diskussion noch einmal aufzunehmen: Sie glauben gar nicht, wie viele Leser ihren Laptop mit auf's Klo nehmen ;-)
Und um den Journalisten müssen wir uns auch keine Sorgen machen. Muss ja nicht immer Papier sein... ;-)
Gerade dieser Blog zeigt ja schon, wie die fvw sich wandelt. Hier kann nun zu einem Thema ein Dialog mit den Redakteuren aufgenommen werden. Das finde ich mit die bedeutsamste Errungenschaft durch elektronische Publizierungen im Web. So kann man auch einmal sein abweichende Meinung zum geschriebenen Wort der Redaktion kund tun.
Selbstverständlich gehört auch eine Koexistenz der Web-Nachrichten, die nicht journalistisch aufbereitet sind, dazu.
Und wie immer gilt: Qualität überzeugt früher oder später - im Netz und auf Papier.
Die Frage berührt die künftige Rolle des Journalismus, der Kosten, des Vertrauens, der Technik.
- Brauchen wir Journalisten, die gegen Googles individualsierte Computernachrichten antreten? Ja, wenn sie Nachrichten professionell prüfen, einordnen und bewerten
- Und was ist mit den Nachrichten-Blogs in den USA? Die sind meist nur lokal erfolgreich - also eine auf Geo-Tagging basierende FVW mit Regional- und Lokalteil?
- Es wird leider keine Laptops geben, die sich wie Papier anfühlen, aber vielleicht klappts auf dem stillen Örtchen oder am Pool mit dem iPad
- Internet verursacht kaum Vetriebskosten, ist schnell, und Google News sind kostenlos. Das sind drei Argumente, gegen die sich die Papierfans (wie ich) erstmal durchsetzen müssen
- vertraue ich Google oder der FVW? Na, ist doch klar!
Beste Grüße in die Redaktion!
Lieber Wolfgang,
deine Großeltern haben "rohen Fisch auf kaltem Reis mit Algen( Rainald Grebe)" auch in den Müll getan und trotzdem hat heute jedes zweite zertifizierte 3 Sterne
Unternehmen eine Sushi Bar. Das eine tun, ohne das andere zu lassen.
Gruß Robert
ich darf mich glücklich schätzen, dass sich gewisse Verhaltensregeln und Essgewohnheiten auf mich vererbt haben. Gleichwohl wäre ich sehr erstaunt, wenn mein Fischhändler den Aschermittwochmatjes in ein Notebook einwickeln würde und nicht in die Tageszeitung vom Dienstag.