Betrunkene Dänin, kaputte Gitarre

United Airlines und das dänische Fremdenverkehrsamt stehen auf dem Videoportal Youtube hoch im Kurs. Jubeln tun beide nicht.

Es bedurfte nur eines verlängerten Wochenendes, um die blonde Karen zu weltweiter Popularität zu verhelfen. Per Videobotschaft auf Youtube machte sich die charmante Dänin auf die Suche nach dem Vater ihres Kindes. Ein netter Urlauber soll es gewesen sein, ein wenig Alkohol im Spiel und keinerlei Vorwürfe. "Das hier ist für Dich", zwinkert Karen und hält ihr Baby in die Kamera.

Nach nur vier Tagen und knapp 900.000 Aufrufen in Youtube flog der Schwindel auf. Das Video war anonym vom dänischen Fremdenverkehrsamt gedreht. "Ich beklage, dass dieser Film so viele Menschen geärgert hat", sagte Visit-Denmark-Chefin Dorte Killerich. Denn die Werbung zielte auf eine leicht schlüpfrige Doppelmoral ab. Ohne Frage standen hier nicht die Vorzüge dänischer Strände im Fokus, sondern die angebliche Offenherzigkeit der Gastgeberinnen.

In Dänemark hat das Video eine heftige Debatte über das Rollenverständnis der Geschlechter ausgelöst. Aus touristischer Sicht spannender aber ist die Resonanz im Web. Unter anderem bei der altehrwürdigen BBC ist Karin noch immer im Original zu bewundern. Und bei Youtube gibt es mehrere Dutzend Nachahmer, vom prolligen Möchtegern-Vater aus Brooklyn über eine adrette Namensvetterin bis hin zu einer exzellent initiierten Stadtmarketing-Kampagne der Gemeinde Lyngby, die Karen zum Umzug aus Kopenhagen bewegen will.

Die virale Kampagne der dänischen Werber ist weltweit(web) in aller Munde, gerade wohl auch, weil die Dänen so kritisch mit ihr umgegangen sind. Gut möglich, dass unter dem Strich ein positiver Effekt für die Destination hängen bleibt - und zwar nicht nur bei allein reisenden Herren.

Weniger Erfolg mit Youtube hatte übrigens United Airlines. Der kanadische Country-Sänger Dave Carroll hat dem Star-Alliance-Carrier zwei eigene Songs gewidmet, nachdem sich die Airline hartnäckig geweigert hatte, eine auf dem Flug beschädigte Gitarre zu ersetzen. Das Video von "United Breaks Guitars" wurde inzwischen mehr als 5,5 Millionen mal angeklickt. Und Dave Carroll ist ein echter Star geworden. Dass United nun doch noch eine Entschädigung gezahlt hat, zählt für Carroll wohl weniger als die Verkaufserfolge bei Itunes & Co.

Virale Effekte lassen sich im Web nur bedingt kontrollieren. Wenn eine Lawine losrollt, ist jedoch kurzfristige Reaktion nötig. Dänemark hat mit der schnellen Entschuldigung vieles gerettet. United kam zu spät. Oder irre ich mich?

PS: Ursprünglich trug dieser Blog die Überschrift "Die Gefahr viraler Effekte". Ich bin sicher, die jetzige Version erreicht höhere Klickraten.

KOMMENTARE
Während sich United Airlines - völlig zurecht - mit der "Gitarren-Affäre" ein virtuelles blaues Auge geholt hat, sehe ich die Dänemark-Aktion eher positiv. Man ist in aller Munde, das ist unter dem Strich das, was beim Marketing zählt. Zwar hat man nicht alle Auswüchse bei Youtube und Co. im Griff, aber immerhin hat man die ganze Geschichte selbst angeleiert und kann sie halbwegs in den richtigen Bahnen halten. Schlimmer ist´s, wenn man wie im Fall United Airlines eher ungewollt aufgrund von schlechter Kundenbetreuung und Kommunikationspolitik auf dem "Kicker" von Bloggern und Twitter-Fans landet. Dann ist die Situation schneller außer Kontrolle als man gucken kann.
Als bestes Beispiel sei in diesem Monat der Sportartikelhersteller JAKO genannt, welcher nach einer Welle der Entrüstung in hunderten von Blogs und Foren und abertausenden von Tweets bei Twitter ob des Verhaltens im Fall um den Blogger "Trainer Baade" ( für alle die es nicht mitgekriegt haben einfach mal Onkel Google nach JAKO+Trainer Baade fragen ... ) öffentlich zu Kreuze kriechen mußte und wohl mittlerweile seine ganze Rechtsabteilung ausgewechselt hat.

Merke: Auch das Web 2.0 kann der Real-Economy wirklich wehtun.
von CaptainJarek, 22.09.09, 18:34
Hier ein sachdienlicher Hinweis zum Verbleib des Vaters:


http://www.youtube.com/watch?v=sNw2Jw95eg4&fea...


Liebe FVW. Vielen Dank für Euer Verständnis, dass ich hier keinen wirklich ernsthaften Beitrag leisten kann :-)
von DarthVater, 23.09.09, 14:12
@Klaus: Gut, dass die Überschrift geändert wurde. Wäre es bei "Virale Effekte" geblieben, hätte man auf Anhieb sonst wohl eine verschärfte Form der Schweinegrippe vermuten können - mit schrecklichen Folgen für die Branche (oder positiven für die Pharmabranche - siehe ARD-Panorama von gestern)
von Werner, 23.09.09, 15:53
Ein ordentlicher Konflikt am Anfang schafft gleich ein höheres Leserinteresse - der aktuelle Titel ist sehr gelungen ;-)

Im Gegensatz zum Konsumgütermarketing hängt das Tourismusmarketing immer mit den Menschen einer Region zusammen. Und denen ist es im Gegensatz zur Gurke im Glas nicht egal, wie sie beworben oder vermarktet werden.
Die Freiheit des Tourismusmarketing müsste also dort enden, wo die Werthaltungen eines größeren Teils der Menschen verletzt wird.
von ReinhardLanner, 23.09.09, 17:00
Ich hatte die Geschichte mit "United Breaks Guitars" und der Band "Sons of Maxwell" bereits am 13.7.09 in meinem Blog www.karl-born.de "verarbeitet". Daraufhin erhielt ich die Information, dass diese Band schon mehrfach bayrische Reiseexperten erfreut hätte. In den Jahren 1999, 2002 und 2005 hatte TUI diese damals noch weniger bekannte Band im Rahmen von Katalogpräsentationen engagiert.
von Karl Born, 23.09.09, 19:33
© 2006 - 2014 Verlag Dieter Niedecken GmbH, Alle Rechte vorbehalten.
fvw.de | Impressum | Kommentarrichtlinien | Kontakt