Die schwarz-rote Welt der TUI
Wie steht es um die TUI? Alles super oder ganz düster? Und was denkt der Kunde?
Als ich heute morgen mit dem Auto zur Bilanz-Pressekonferenz der TUI AG nach Hannover fuhr, hörte ich im Radio schon finstere News, passend zum Schneeregen auf der Autobahn. "Hoher Verlust bei der TUI und wegen des Buchungseinbruchs auch noch Kurzarbeit", so lautete der Tenor im NDR. Da ja nicht nur fvw-Redakteure Radio hören, kann ich mir vorstellen, wie bei "Lieschen Müller" so ewas ankommt.
Wie ist die Lage wirklich? Klar, wegen der hohen Integrationsaufwendungen für die Fusion mit First Choice ist das Konzernergebnis der TUI AG mit 142 Mill. Euro in die Miesen gerutscht. Und natürlich macht die TUI (allerdings die TUI Deutschland, und das ist was anderes als die AG) Kurzarbeit, wenn auch in einer sehr arbeitnehmerfreundlichen Light-Version.
Also alles ganz schlimm? Muss Lieschen Müller befürchten, dass der Veranstalter ihres Vertrauens mit dem Rücken zu Wand steht? Ganz und gar nicht. Aber im börsentauglichen Finanzwesen gelten nun mal andere Gesetze. So zählt bei der Touristiktochter TUI Travel (zu der auch TUI Deutschland gehört) allein der operative Gewinn: Daran macht Big Boss Peter Long alles fest, daran hängt sein Ansehen an der Londoner Börse und auch das Gehalt der Führungsriege. Also muss alles, was irgendwie nicht operativ (zum Beispiel die Kosten für Abfindungen für 2000 gekündigte Mitarbeiter in UK und die Schließung von Verwaltungen) und niet- und nagelfest ist, in Einmalkosten und Sonderposten abgeschoben werden. So macht es übrigens auch Kollege Manny von Thomas Cook.
Long redet grundsätzlich nur über den operativen Profit, was anderes interessiert die Londoner Analysten auch nicht. In Deutschland hingegen wird mit der uns angeborenen Gründlichkeit geschaut, was denn unter dem Strich wirklich übrig bleibt. Und da die ganzen Einmal- und Sonderposten munter an die Mutter nach Hannover durchgereicht werden, bleibt dort trotz verbessertem operativen Ergebnis ein Minus in der Bilanz hängen.
Nun ist die TUI AG zwar auch börsennotiert und deren Lenker Michael Frenzel ein Kapitalmarkt-Profi und Meister des Verkaufs auch wenig positiver Nachrichten. Doch bei der Londoner "nur das Operative zählt" Logik stößt auch er an seine Grenzen. Zudem musste er sich heute in der Pressekonferenz in der Karl-Wiechert-Allee 4 auch noch munter zur Kurzarbeit befragen lassen, die die TUI D ein paar Häuserblocks weiter macht, und über deren Ankündigung die Strategen bei der TUI AG nicht gerade glücklich waren.
Schließlich führt die TUI D ja die Kurzarbeit nicht ein, weil es dem Veranstalter geht wie Opel. Ganz im Gegenteil: TUI-Deutschland-Chef Volker Böttcher erzielte 2008 mit seinem Veranstalter eines der besten Ergebnisse überhaupt. Und dieses Jahr droht nicht etwa der Absturz in die roten Zahlen, sondern er muss leider trotz Buchungsflaute auf die super-Zahlen noch einen drauf setzen und deshalb sparen. So will es Peter Long mit seinen rosigen Gewinn-Ankündigungen, so will es die Londoner Börse. Shareholder-Value nennt man das.
Dass diese angelsächsische Kapitalmarkt-Logik sogar bei Journalisten manchmal quer ankommt, erlebte ich zur ITB. Dort hatte ich eine Interview-Anfrage des ZDF. Die wollten von mir wissen, ob die TUI-Gäste wegen der Kurzarbeit denn mit Service-Einschränkungen zu rechnen hätten. So nach dem Motto: Der Transfer-Bus fährt nur noch jeden zweiten Tag, die Betten werden unregelmäßig gemacht und Hotelfrühstück fällt aus. Ich habe die Kollegin vom ZDF dann aufgeklärt und auf das Interview verzichtet.
Vielleicht heißt die wahre Geschichte: Wie kann TUI Travel von einem Rekordgewinn zum nächsten eilen, und trotzdem denkt alle Welt in Deutschland, TUI mache gewaltig Miese. Oder veranstalten wir zeitgemäß ein Quiz: Wer mir sagen kann, wie sich ein "underlying operating profit" von TUI Travel zusammensetzt, dem gebe ich beim nächsten Treffen einen Drink aus.



Wenn die Karre dann und im Dreck steckt, und die tollen Geschichtenerzähler ihre Storys selbst nicht mehr glauben, haben wir halt ne Wirtschaftskrise - na und. Dann kommt schon der Staat und wird helfen.
Uns Reisebüros wird der Malus komplett erlassen, und wir ignorieren die Börsenwerte der TUI dafür einfach.
TUI-Travel-Chef vervierfacht seine Einkünfte
Die TUI-Aktionäre gehen leer aus. Wegen der hohen Kosten der Fusion der TUI-Touristiksparte mit First Choice zur TUI Travel schüttet der Konzern für 2008 keine Dividende aus. Für Peter Long jedoch, den Chef der britischen Reisetochter, zahlt sich der Zusammenschluss aus: Seine Vergütung ist im vergangenen Jahr laut Geschäftsbericht von 1,2 auf 5,2 Millionen Euro gestiegen. Damit übertrifft der Brite selbst Konzernchef Michael Frenzel, dessen Einkünfte von 4,5 auf 3,8 Millionen Euro zurückgingen. Schon beim Fixum liegt Long vor Frenzel - verantwortlich für die Gehaltsexplosion sind jedoch in erster Linie die erfolgsabhängigen Komponenten: Der TUI-Travel-Chef wird nicht an dem Ergebnis gemessen, das unter dem Strich steht, sondern an dem um alle Sondereffekte und Einmalaufwendungen bereinigten Ertrag - und dieser sei 2008 massiv gestiegen, hieß es im Konzern. So sei das eben in Großbritannien, habe Frenzel gesagt: Die Investmentbanker der Deutschen Bank hätten auch immer mehr verdient als Konzernchef Josef Ackermann.
Genau deshalb gibt es einen operativen Gewinn, denn nur daran bemißt sich die Vergütung.
Der Chef in London bekommt 4 Millionen mehr und 1600 Tuianer in HAJ müssen kurz arbeiten und mit Euro 2500 pro Kopf diesen Vergütungszuwachs finanzieren.