Steiniger Weg nach Europa
Thomas Cook ringt mit der Insolvenz von Blue Sky, TUI kämpft mit NPM. Sind pan-europäische IT-Systeme schon wieder out?
Die Antwort kam schnell, und sie erlaubt keine Zweifel. Nein, die Insolvenz von Blue Sky habe keine Auswirkungen auf das Tagesgeschäft, sagte CFO Ludger Heuberg. Stellen wir uns mal (rein theoretisch) das Gegenteil vor: Eine kleine Softwareschmiede steht vor dem Aus, und bei Thomas Cook geht buchungsmäßig in etwa so viel wie am Mittwoch beim Check-In der Lufthansa. So etwas wäre eine Katastrophe, die nicht passieren darf.
So aber ist es nicht. Denn bislang nutzen nur wenige Thomas-Cook-Marken das Blue-Sky-System Itour. Und offenbar laufen deren Systeme auch nach der Insolvenz stabil. Die Zukunft freilich sah anders aus. Da sollte Itour zentrales Element der IT-Plattform Globe sein, die die Thomas-Cook-Marken global vernetzt: dynamische BÜndelung von Reisebausteinen, Kalkulation in Echtzeit, dazu eine länderübergreifende Kontingentverwaltung. Kurzum: ein wahrer Traum, der nun zu platzen droht.
Wie es mit Globe weitergeht, muss nun auf höchster Vorstandsebene entschieden werden. Beachtlich ist primär eins: Thomas Cook Deutschland steht auch ohne Globe ganz gut dar, weil die alten Systemen dynamisch aufgerüstet worden sind - womöglich in weiser Voraussicht?
Und noch etwas ist bemerkenswert: Für Schadensfreude gibt sich niemand her. Schließlich ächzt zurzeit auch Konkurrent TUI Deutschland unter seinem neuen Produktionsmodul NPM. Das Pendant zu Globe kam zwar nicht als globale Plattform daher. Aber es setzt auf ähnliche Systemlieferanten auf wie die Konzernschwestern von TUI Travel. Und natürlich beflügelte die Idee einer späteren Vernetzung auch die TUI-Technologen.
Bei Thomas Cook in Oberursel klopft man sich jetzt heimlich auf die Schultern, noch einmal in nationale Buchungstechnik investiert zu haben. Und auch bei TUI in Hannover wachsen wieder die Sympathien für die bekannte Iris-Technik.
Drohen damit die Träume für pan-europäische Produktionsplattformen im Veranstaltergeschäft zu platzen? Oder erleben wir gerade Pannen, die bei Projekten dieser Größenordnung kaum vermeidbar sind? Bereits in der kommenden fvw 21/09 werden wir uns dieses Themas annehmen. Vorher würde mich ihre Meinung interessieren. Geht die IT-Strategie von Thomas Cook und TUI auf?


Daran scheint sich aber in den Chefetagen niemand mehr zu erinnern.
Auch Karstadt und Quelle haben den für solche Unternehmen wichtigen Wareneinkauf "ausgelagert" und wunderten sich auf einmal, dass ihnen wichtige Kompetenzen fehlen.
was den Fall Thomas Cook betrifft, kenne ich keinerlei Anzeichen, die darauf rückschliessen liessen, dass das Projekt am wanken wäre. Allerdings gibt es
sicherlich ein generelles Problem bei Projekten in diesen Grössenordnungen. Ich denke nicht, dass das Problem an einer paneuropäischen oder generell
länderübergreifenden Strategie eines Projektes festgemacht werden kann. Ich fürchte der Grund ist naheliegeneder, es ist schlichtweg die Überschätzung der
Komplexität von Prozessen gerade in der Touristik, die solche Projekte zum Wanken bringen. Ich habe mich schon mehrmals gefragt, wieso (und das scheint mir ein Problem der Touristik zu sein) in nahezu allen Projekten versucht wird die 100% Variante gleich im ersten Schritt zu erreichen. Software hat auch etwas mit Evolution zu tun, Evolution kostet Zeit und das muss auch mal akzeptiert werden. Eine 100% Variante entsteht nicht am Schreibtisch und manifestiert sich dann in Projektplänen und Spezifikationen, die die allumfassende finale Lösung umschreiben. Software wächst und muss auch wachsen, Ziele müssen auch korrigiert werden können, schon alleine um sich den Markt anpassen zu können.
Da ist es wenig hilfreich Lösungen zu bauen, die alleine von ihrer Entwicklung her 3-5 fünf Jahre benötigen, Zeit in der sich die Markgegebenheiten durchaus
auch mal drastisch ändern können.
Microsoft hat einen ähnlichen Fehler mit Vista seinerzeit getan, die Ziele extrem hoch gesteckt, die finale Lösung im Auge gehabt und sonst nichts ... Vista
kam drei Jahre versprätet und beileibe nicht mal ansatzweise mit dem, was ursprünglich geplant war, im Gegenteil, Gerüchten zu Folge hat man mitten im
Projekt nahezu von vorne begonnen.
Zudem kommt in der Touristik die Problematik, dass sehr wenige echte "IT'ler" in entsprechende Projekte involviert sind, es sind in der Regel Touristiker,
die diese Projekte versuchen technisch zu stemmen und nur eine Minderheit sind echte Techniker. Techniker verdienen in anderen Branchen einfach weitaus mehr
und das ist in der Tat ein Riesenproblem in der Touristik, auch wenn das nicht gerne gehört wird. Es gibt jede Menge Fachkompetenz, aber wenn es um die
Umsetzung geht, sieht es oftmals dürftig aus und lässt man IT'ler anderer Branchen auf technische Umsetzungen in der Touristik schauen, so werden diese
oftmals nur müde belächelt, da einfach grausamst umgesetzt.
Fazit bleibt für mich jedoch, dass man in der Travel-Technology versuchen sollte kleinere Schritte zu gehen. Ich bin mir sicher, das führt eher zum Ziel und
bringt zudem durchdachtere Lösungen ans Tageslicht.
Ein Zusammenhang zwischen dem Scheitern solcher Projekte und der Insolvenz eines beteiligten Softwarehauses sehe ich jedoch nicht. Von dem was mir zu Ohren
kam hat Blue Sky zudem einen guten Job gemacht und es ist in der Tat mehr als Schade einen Travel-Technologen weniger am Markt zu haben.
David Friderici